Abgeschlossen am 1. Juli 1921
Das alte Land im jungen Lenz
Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt hinterm Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und grüner, mit fünf feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt er, »eine Wegstunde.«
»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel drücken, du kamst mir zupass! – – Ach so, kannst nicht herablangen zu mir und ich nicht hinauf zu dir – nun, meinen Dank nimmst du auch so!« Und damit wandre ich fürbaß, bis auf der Kuppe droben die St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden Schieferdächern, gelehnt an den bewaldeten Gleesberg.
Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört als Politik – und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal der Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute Karfreitag – die Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen ward. Leid tat mir’s nur um das Knäblein, das der hitzigste von den Politikern bei sich hatte. Immer wieder machte das den Versuch, dem Vater die Enten im Bach, die Narzissen im Garten, das Fohlen auf der Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe Flut quoll der Haß aus dem Manne heraus. – Ängstlich und verständnislos hingen des Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und mich mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. –
Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume, die grünen Grasspitzen dort – jedes einzelne ein Bote der Liebe an unsre haßerfüllte Welt.
Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine Lehne hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt am sonnigen Feldrain. Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten Dinge heraus, die daheim ihm anvertraut wurden. Brot, Wurst, die zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, liegen lieblich vereint auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser heraus, das mich getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet, und fährt hinein in all diese Pracht. – Stark und sicher thront vor mir die Stadt Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der Blick in das kraftvolle Bild. – Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein, und vergnügt beschließe ich das Mahl, für das mir das deutsche Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde ausstellen wird. Dann stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche immer riesenhafter herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint der Turm mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen Vergangenheit ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande des weiten Wasserbeckens auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring raste, da macht sich der Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm nachgehen, denn dann erst spricht die Heimat mit mir von Herzen zu Herz.