Abb. 1 Schneeberg, Gesamtansicht (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)

Schneeberg – wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche Land! Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des sächsischen Volkes. Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor dem steigt es abenteuerlich und wild empor. Ein Bergwall von fast unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin Bär, Wolf und Luchs hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum emporsteigt ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge hinan. Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen empor mit einer Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit nur mit der Entwicklung eines amerikanischen Goldgräberlagers vergleichen können.

Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten Gewerken, aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die Bergbaulustigen herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um jeden Preis ist die Parole. Genug solche sind auch dabei, denen das gewonnene Silber zwischen den Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge und Muttersöhnchen ist’s freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier der graue Wächter, die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt. Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor jeder Grube stehen Geharnischte auf Posten.

Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen, gelenkt und gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren zeigt sich nun Ordnung und Norm. Die Zechen werden mit einer Einfriedigung versehen in Form eines hölzernen Schrankens um den ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern in menschlicher und tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine andere furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert der böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus den Holzschranken wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man ein Hertze pfleget zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen anno 1474 innerhalb der Umzäunung; mit denen, die draußen sind, hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ diese ungeheure Entfaltung im Laufe von fünf Jahren.

Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den Bergleuten zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die Tiefe. Aber schon 1477 blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre gibt der St. Georgschacht 4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo Albrecht der Beherzte am 23. April gleichen Jahres an einer Erzstufe von 400 Zentnern Gewicht, die fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß einnimmt. Dieser Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher sollt’ er die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit für die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen des Wassers. Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab nach dem Schreckenberg, wo man eben fündig geworden ist, und wo St. Annenberg emporblüht. Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und schwierig. Gewalttaten gegen Bergmeister und Geschworene fallen vor, und 1496 ist er da, der erste Streik! Noch gelingt es, den friedlich zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der zweite Ausstand. Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte Lager der Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, wenn sie nicht mittun.

Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar. Die Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu Lebensgenuß und reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben – Auff St. Jörgen in Schneebergk zwahr – Mehr denn dreißigtausend Gülden – Auff einen Kux fürwahr« rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an, sich dem Wohlstand zu verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form, in der Gestalt von Volksfesten mit geistlichen Schauspielen, die alle sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. Freiberg, die alte, die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. Einmal führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen die biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung der Welt bis zur Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel, Michael, Satan, Adam und Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne Adams sind die handelnden Personen. Herzog Georg mit seinem ganzen Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. – In Zwickau findet ein paar Jahre darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, deren Verlauf folgender ist:

Abb. 2 Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)

Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums: »Wie sich sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf: »Wie sieben Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht zierlich und wohl vonstatten. – Hierauf prellen zweiundzwanzig Fleischhauer einen vermummten Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz ab, der von den Hallstädter Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. Als dies vorüber, erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie als Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen ausgestreut werden. – Glückliche Kinderzeit unsres Volkes!