Abb. 3 Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in höherem Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und Sorgen auch in den Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt die reichen Fundgrübner dazu, etwas wirklich Großes zu schaffen. Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen Bergmannsberuf eigene Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie bauen zu Ruhm und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. Im Jahre 1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der Bau des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der Albrechtsburg sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen.
Abb. 4 Schneeberg, Fürstenplatz (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian Lobwasser den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende gebracht, das ist etwas, das zu dem wirklich Großen, nicht nur im äußeren Maßstab, gehört.
Abb. 5 Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St. Wolfgangskirche
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster Gang. Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau vor mir. Zur Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau übernommen, sich unregelmäßig vor das Langhaus legt, blüht ein Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert kann das liebe Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang ist eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den Formen später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind. Ganz auf den Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau zugeschnitten. Groß muß die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen sein. Man darf namentlich wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon um ihren Rat angegangen worden sind, als es galt, das neue Haus mit auserlesenen Werken der Malerei zu schmücken. – Wo hätten die Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken können, als nach Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns der Meister hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk, das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr als ein einheitliches Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk dar. Die Kaiserlichen haben die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach Prag entführt. Erst siebzehn Jahre später gelang es den unermüdlichen Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. Heute prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar für sich allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste – bei weitem nicht! Der Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung des Abendmahls, der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden von den herrlichen deutschen Männerköpfen, die der Meister seinen Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von Schneeberger Bürgern, wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd hebt sich der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er mit der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als ein roter, derber Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im Äußern gekennzeichnet als der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch auch wieder so verständlich im Wesen der Entstehungszeit des Bildes wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am Fuße der Tafel im Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem starken fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den Genuß des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus. Ist’s wohl eine der Klerikergestalten, mit denen Reformation und Kirchenvisitationen damals rasch und gründlich aufräumten? – Im herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut der Glocken durch den Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar schönen Grüften hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig das Stadtbild auf mich wirken zu lassen.
Abb. 6 Schneeberg, Filzteich (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)