Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber erfreuen mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie vor allem geben der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit, das sie unstreitig entfaltet. Eine Erinnerung übrigens aus dem genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg in sich, voll wehmutsreich inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes geistiger Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus deren Herzensbund die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind – Goethe und Charlotte von Stein! Von Karlsbad aus, wo er mit seinem Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte Goethe die Freundin, die nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach einigen Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach Karlsbad zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort »fortzustehlen«, – südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. –
Abb. 7 Rotes Pochwerk, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen, wehmütigen Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur Gewißheit gewordene Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. Müde war die Sehnsucht geworden, die doch nur in völliger Verbindung hätte Erfüllung finden können – und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da war der edlen Rose Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das Blümchen stehn – wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön – – Christiane Vulpius trat in sein Leben.
Abb. 8 Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Abb. 9 Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter Halde hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs und blicke hinaus in das weite Gefilde, das noch von unzähligen Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos liegt die Natur – ein wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. Groß und finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende Flur – einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das haldenzerrissene Land. Da greift auch mir der furchtbare Ernst der Stunde ans Herz, der letzten, da unser Heiland am Kreuze rang. Schwer atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. – Ja, es ist finster. Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit; nun Stille – Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang herüber schlägt’s drei. – – –