Abb. 10 Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube bei Neustädtel
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt in den gewaltigen Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel, und jetzt ein Lerchenlied! Nicht eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, fröhlich springt auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin – ist’s nicht, als wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? Zu meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und hab’ eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für sich darstellt, mit Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen – ein Stücklein Gestein, wie es der alte Eigenlöhner vor hunderten von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann greif’ ich zum Stabe und ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an Siebenschlehn und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen alle heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der heiligen Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung an die dritte Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward im Geiste des Berghauptmanns von Herder, dreh’ ich mich um, und wie ich das prachtvolle Bild von Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen erblicke, da muß ich im Geiste mit einstimmen in den alten Bergreihen, der so stolz anhebt:
»Den Schneebergk wöllen wir preysen
Über andre Bergkstedt all.«
Abb. 11 Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm
(Phot. B. Zillessen, Bautzen)
Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist ein gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand. Eine innig verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf breiter Dammkrone und weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn anhebt, wo niedrige Kiefern und üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser sich hinziehen, wo der »Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben jetzt zur Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. – –
Abb. 12 Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in Geyer aus gesehen
(Phot. Max Nowack, Dresden)
Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und weißbereift sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des Ostersonnabends meinen Weg wieder unter die Füße nehme. Viel besser gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne die betriebsame Stadt, als am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter Zeit bietet sich hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung. Wie ich am Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben ein Freund aus der Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der frühen Stunde zieh’ ich die Klingel und lasse mich melden. »Hie mag nit sein ein böser Mut – wo da singen Gesellen gut« geht mir’s durch den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen Flügel und die Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben, der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch dasselbe begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite die Hausfrau, eine reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu unsrer Freude von der oberlausitzer Heimatschilderung immer mehr zur Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft wendet. Wunderbar gut tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf der Vergangenheit Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. – Nahe bei der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der die Güte des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700 die bergmännische Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter verwendet ward; der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von Rechenberg, zum Pudern der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger die rote Porzellanerde von Okrilla zur Herstellung seines Steinzeugs verwendete, kam man hinter den Wert der weißen Erde von Aue. Jeder private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward nun bei hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch ein anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum Nutzen geraten. Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«, wie ihn die alten Gewerken nannten, wenn sie ihn als wertlos auf die Halden warfen, ist der Vater der seit Jahrhunderten blühenden Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den Kirchen, Gott möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur Zeit Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. –