Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter Blick tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir habe. Nie hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch wird die Mühe des Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter Steigung in einer Stunde etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe, wollen verdient sein. Aber nicht lange, und schon überfröstelt es mich bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain bin ich nun doch richtig in die Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der graukörnige alte Feind an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt gar der Fichtelberg mit großen weißen Lehnen.

Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf; ein paar Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen Zisterzienserabtei ist zwar nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten, aber einen Rastort voll herrlichen Friedens umschließt die weite Klostermauer – das Wäldchen, drin noch die Spuren der Klosterkirche zu sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger Dom von ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel hinauf. Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt, an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine Vogelwelt von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen Zweigen singt es und klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe, die auch nicht säen noch ernten, hat hier ein schützendes Obdach gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: schwachsinnige Kinder sind in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben sitzen sie im warmen Sonnenschein – auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß ein gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er hier im süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen Schützlingen befragt, schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint er zu einem gut genährt aussehenden Burschen von etwa fünfzehn Jahren, »ganz brav sind wir alleweil, bloß die Finger, o weh, die Finger; die sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze Gesicht lachend bestätigt der Zögling dies Zeugnis.

Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und Kohlengruben, die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein eigen. Einen großen Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die Sturmglocken über die Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg war eine unerhörte Tat geschehen. Die beiden jungen Herren, Ernst und Albert, waren geraubt worden vom verwegenen Ritter Kunz von Kauffungen. »Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers in unser Schloß Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott geklaget sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten sich die Räuber gewandt – und schon am Tage nach der Tat hatte man den von Kauffungen fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in des Abtes von Grünhain Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll. Am 14. Juli aber stand er bereits vor den Geschworenen von Freiberg, wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im Jahre 1294 Friedrich der Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie gewaltig sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf die Bergleute rundum. – Von 1536 ab stand das Kloster verlassen. Die Mönche wanderten mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein herrliches Stück aber ist von dem ehemaligen Reichtum noch auf uns gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 nach Annaberg kam und dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. Schmidt »Annaberg«, Band IX, Heft 1–3 dieser Zeitschrift). –

Abb. 13 Kirche in Ehrenfriedersdorf
(Phot. Max Nowack, Dresden)

Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das geheimnisvolle, frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste Wegbiegung, was einem die nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich sage, die stille Freude an schönen alten Gehöften, an stattlichen Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie im östlichen Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die Natur macht alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in diesem Teil des Gebirges, daß sie sich einfach nicht tot machen läßt. Immer wieder versöhnt den Wandrer der unsagbare Zauber des Fernblicks, das stille Raunen der Wälder, das Murmeln der Bäche. Wie ein Silberband springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner Straße hindurch in ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß einkehren bei diesem Wirte wundermild! – Hab’ Dank, heiliger Oswald, für den Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. –

Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut in gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber hier sind sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und Krone gefertigt – vom Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit schön geschwungenen, rot nachgezogenen Kurschwertern und altertümlichen Jahreszahlen aus dem achtzehnten Jahrhundert stecken hier wie aus dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf der Höhe kommen jetzt die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, der Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit silberverbrämtem Mantel über den Schultern.

In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle, kann ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das ziemlich nüchterne Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer schon so gewesen,« entgegnete der Wackre, was mich aber doch zu der Bemerkung veranlaßt, ich könne nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich die alten Nürnberger Elterleins hier des Bergsegens erfreuten, schon derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich auch zu.

Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen Tagmarsches. Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat in der Jahrhunderte Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht stundenlang neben der Straße her; aber hier und da gleitet der Blick über eine freie Fläche von so ausgesprochenem Hochmoorcharakter, daß es dem aufmerksamen Beschauer klar werden muß, welch ein Riesenwerk die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf und Urwald – das war das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt und Eisen, und in seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es grüne die Tanne, es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit beider Berufe bescheinigt.

Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich hin, und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern zu können, stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude. Willst du so recht im Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der vertraute Gefährte schon zu viel. Im tiefsten Innern bleibt der Mensch allein; aber aus diesem tiefsten Innern kommen dann auch die Stimmen, die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille.