Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht, kann auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken. Silber, Kupfer und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten viele der Knappen nach dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg. Geyersche Häuer sollen die ersten Häuser von Annaberg gebaut haben.
Abb. 14 Greifensteine (Phot. Heinrich Wagner, Ehrenfriedersdorf)
Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den ich um seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich nur einmal mit Verständnis in das herrliche alte Leipziger Rathaus versenkt hat. Hieronymus Lotter, der große Baumeister der sächsischen Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg im Jahre 1560. Sechs Jahre später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen nachweisbaren Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer der Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen Zinnwerkes hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb er an die Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem Geyersberg, und lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu halten. Offenbar kam der Kurfürst von da an öfters zu seinem vertrauten Berater in baulichen Kunstfragen. Als 1568 die Pest übers Gebirge zog, verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den Gottesacker aus der Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein werde. – Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da ein großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in dem alten Hause, das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich mag es gewesen sein zur Zeit, da sein Erbauer hier weilte. Die schön kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon noch Zeugnis. Hier im kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin den Meister zur Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es ist bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt. Er starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In der St. Lorenzkirche zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. – Diese ehemalige Kirchenfestung, die noch heute ein Stück ihrer starken Schutzmauer und den gewaltigen Wachturm als Erinnerung an drangvoll fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält in der Vorhalle ein herrliches Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine Ölberggruppe mit Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert.
So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise gesehen, daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach einem Gemäuer zu wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward, das mit unwiderstehlicher Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach in sieben gewaltigen Granitpfeilern. Wie eine Zyklopenmauer leuchten die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten Nachmittagsschein in das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren saust schon der Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig erhaben; was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen der Urzeit!
Abb. 15 Greifensteine (Phot. Heinrich Wagner, Ehrenfriedersdorf)
Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten wartet meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern verpassen. Aber sieh da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch hinreichend Zeit, das freundliche Städtchen ein wenig kennen zu lernen, bei dem am 15. Januar 1648 das letzte Treffen im Dreißigjährigen Krieg auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate später, als endlich die Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land hinaustrabten, hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der als Feldprediger im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der meistgesungenen Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir glauben all an einen Gott.«
Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im Bahnzug der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde – aber wartet nur, ihr kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr frühe ehe die Sonne aufgeht, da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden Tönen der Glocken auf allen Türmen rundum, die die frohe Botschaft hinaustragen in alle Lande: »Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.«