Wer will mich um die Krone bringen?
Der Marschall (Diener) holt die drei Könige, die Urheber des Geräusches, herbei. Herodes erkundet Zweck und Ziel der Reise. Jüdische Schriftgelehrte werden um Rat gefragt. Die Weisen brechen von Herodes auf. Nun fehlen im Oberlausitzer Spiel wichtige Stücke: die Anbetung in Bethlehem, die Engelsbotschaft. Dargestellt ist wieder, wie die Weisen erwachen, ihren Traum austauschen und beschließen, auf andern Wegen heimwärts zu ziehen. Am Hofe des Herodes herrscht Unruhe über das Ausbleiben der Weisen. Herodes gibt dem Marschall den Befehl zum Kindermord. Der Marschall meldet den Vollzug des Befehls. Der Tod tritt zu Herodes mit der Sense (nicht mit dem Pfeil) und nimmt ihn in vergeltender Gerechtigkeit mit in sein Totenhaus.
Es ist nicht verwunderlich, daß die Überlieferung für das Herodesspiel spärlicher fließt. Der Stoff ist starr und spröde und widersetzt sich der ästhetischen Verzauberung. Die Form ist in weiten Teilen der Dialog. Das Spiel ist melodienarm. Trotzdem weist es ausgeprägte volkstümliche Eigenheiten auf. Die Personen sind in derben Strichen flächenhaft umrissen. Nuancierende und vertiefende Linien fehlen. Das Herodesspiel gleicht wie kein andres einem kräftigen, grell bemalten Holzschnitt. Adventspiel und Christgeburtspiel sind mehr musikalisch als bildhaft. Sie bringen in überwiegender Weise seelischen Ausdruck, nicht raum-zeithafte Darstellung. Der reine Sprechvortrag nimmt in ihnen nur geringen Raum ein. Er steigert sich zum Sprechgesang, um an den Höhepunkten in reine Ausdruckskunst, Lyrik und Musik, überzugehen. Das, was den Spielen bei allen technischen Unbeholfenheiten unaussprechlichen Zauber verleiht, ist ihr Hervorströmen aus einer machtvollen, innig und tief erlebten Geisteswelt. Der volkstümliche Spieler steht im magischen Banne zwingender Überlieferung und spricht sie ergriffen aus. Er wird zum Instrument einer übersinnlichen, symbolhaft erschauten Welt. Seine engumschränkte Einzelpersönlichkeit wird dabei ausgelöscht. Ich kann nicht verschweigen, daß ich so ergreifende Darstellungen in der Oberlausitz nur von Kindern erlebt habe. In früheren Jahrzehnten hat, wie mir erzählt wurde, ein ähnlich würdiger Ernst die erwachsenen Spieler beseelt, wie wir es etwa heute noch in Oberammergau erleben können. Aber zu so ergriffenen Spielern gehört eine ebenso ergriffene Zuhörerschaft. Die Darstellungen der Volksspiele waren keine Theateraufführungen; allen gemeinsames innerstes Seelentum trat bild- und klanghaft vor die Sinne. Über den Szenen schwebten die magischen Zauber des kultischen Ursprungs. Die meisten Wiederbelebungsversuche der Spiele durch Erwachsene sind heute aus tiefen entwicklungspsychologischen Gründen unecht. Der Durchschnittserwachsene ist ungläubig. Er ist ausgeprägtes Individuum. Er steht vor seinem Publikum. Neben der Tradition zeigt er sich, er spielt Theater … Er weiß, daß er in diesen Spielen eine Rarität vor sich hat, und all das vernichtet die Wirkung der schlichten Stücke im Keime. Nur auserlesenen frommen Seelen mag es in hingebender Liebe und eindringendem Eifer heute noch hier und da gelingen, die heilige Einfalt, die tiefe Gebundenheit und Innigkeit der Spiele zum Ausdruck zu bringen (Haas-Berkow). Aber was die fortschreitende individualistische Zerstäubung dem Erwachsenen genommen hat, das ist im Kinde lebendig geblieben. Das Kind unsrer Heimat steht noch im tiefen Banne des Weihnachtszaubers. Mag es auch bereits bei vielen Gelegenheiten individueller Schauspieler sein: beim Weihnachtsspiel ist es erklingende Saite großer Symbole. Damit haben die Weihnachtsspiele wie manches andre uralte Volksgut ihre letzte Pflege- und Zufluchtstätte erreicht: das Kind …
Wiedersberg
Von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. V.
Unweit der sächsisch-bayrischen Grenze, etwas abseits der Staatsstraße Plauen-Hof, hockt zwischen den schräggeneigten Waldhängen des oberen Feilebachtales ein Häuflein Häuser: das vogtländische Kirchdorf Wiedersberg. Hoch über Tal und Dorf liegen im dichten Mischwalde versteckt die Mauerüberreste des gleichnamigen alten Raubschlosses. Es ist eigenartig, daß über Entstehung, Geschichte und Verfall der wenigen vogtländischen Burg- und Kirchenruinen geheimnisvolles Dämmerdunkel ausgebreitet ist. Oder vielmehr nicht eigenartig. Zahlreiche Kriege und Brandschatzungen des Mittelalters haben in dem alten Durchzugslande zwischen Mittel- und Süddeutschland Schloßarchive und Rathausakten, Klosterurkunden und Kirchenbücher vernichtet. Daß man die Zeit der Erbauung der Burg Elsterberg, des Schlosses Libau, der Veste Wiedersberg, der Wallfahrtskirchen am Burgstein nicht mit Bestimmtheit anzugeben vermag, nimmt weiter nicht wunder. Aber daß man über Zeit und Art ihres plötzlichen oder allmählichen Untergangs so gar nichts weiß, daß man nicht einmal anzugeben imstande ist, ob Zerstörung, Brand oder Verfall vorliegt, ist doch immerhin merkwürdig. So soll die Veste Elsterberg bereits in dem sogenannten Vogtländischen Kriege 1354 in Trümmer gesunken sein. Von den andern drei weiß man nicht, ob sie auch schon in diesem Kriege oder im Hussitenkriege oder im Dreißigjährigen Kriege zerstört worden sind oder ob sie überhaupt auf gewaltsame Weise ihren Untergang gefunden haben. Möglicherweise teilen sie alle das Schicksal eines fünften Schlosses, des zu Geilsdorf. Von diesem ist urkundlich nachweisbar, daß es 1667 durch den Grafen Tattenbach erbaut worden ist. Ebenso sicher ist, daß keinerlei Kriegsnöte an seinem Mark gezehrt haben und daß lediglich der berühmte und berüchtigte Zahn der Zeit die Ursache seines Dahinscheidens war.
Schloß Wiedersberg
Nach einer Schwarzweißzeichnung von Kunstmaler Enders
Völlig sagenhaft ist die von einzelnen Historikern vertretene Ansicht, Schloß Wiedersberg sei von Kaiser Heinrich I. (919 bis 936) zum Schutze gegen die Sorben angelegt worden. Vielmehr wird 1203 zum ersten Male eine Burg Wiedersberg erwähnt und 1288 ein Eberhard von Wiedersperch. Im Jahre 1386 belehnte Markgraf Wilhelm I. von Meißen den Ritter Jan Rabe mit Wiedersberg. 1421 verkauften die Rabe das Besitztum an die Familie von Machwitz, die es bis 1580 besaß. Der Rittersitz wechselte dann rasch nacheinander seinen Eigentümer und gehört seit 1840 der Familie Gräf. Eine ausführliche Geschichte der Veste Wiedersberg brachte A. Moschkau im Jahrgange 1878 der Zeitschrift »Saxonia« (Seite 36, 49 und 56).