Die Ruinen sind gegenwärtig von sehr geringem Umfange. Sie bestehen aus einem viereckigen Turm, einigen Mauerresten und dreifachen Schanzgräben. Ein stark angekohlter Balken im Wartturm deutet auf Brand. Indes kann dies auch in ursächlichem Zusammenhange mit der bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hier betriebenen Pechsiederei stehen. Denn unmittelbar darunter liegen, halb im Erdreich vergraben, zwei alte, geborstene Griebenherde. Das neben den Mauerüberresten stehende ehemalige herrschaftliche Jägerhäuschen ist in ein bescheidenes Bergwirtshaus umgewandelt worden. Der in dieser winzigen Waldklause hausende Pächter, Namens Bauer, hat den Krieg 1870 bis 1871 mitgemacht, wurde verwundet und ins Lazarett nach Dresden gebracht. Dort gehörte er zu denen, die sich der besonderen Fürsorge der damaligen Kronprinzessin und nachmaligen Königin Carola zu erfreuen hatten. Nach Gesundung und Rückkehr in die vogtländische Heimat entspann sich ein interessanter Briefwechsel zwischen der Königin und dem einfachen Tischlermeister Bauer in Wiedersberg. Bis zum Tode der Königin währte das gewiß seltene Freundschaftsband. Der alte Veteran weiß recht anregend davon zu plaudern und zeigt auf Verlangen die Originale der zahlreichen Briefe, die er pietätvoll in einer großen Mappe vereinigt hat. Seine Behausung gleicht dem Knusperhäuschen der Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel. Vor dem Eingange krallt eine mächtige knorrige Kiefer ihre Wurzeln ins Felsgestein, und am prächtigsten zeigt sich der Wiedersberger Burgberg, wenn im Frühherbst die buntfarbigen Laubbäume aus dem dunklen Grün der Fichten und Föhren hervorleuchten.
Auf steinigem Wege steigen wir hinunter ins Dorf Wiedersberg. Ein steiler, beschwerlicher Abstieg. Der Klausner im Knusperhäuschen ist neben seinem Doppelberufe als Gastwirt und Tischlermeister auch noch als Standesbeamter tätig, und die guten Wiedersberger, die sich dem Ehejoche zu beugen gedenken, treten einen schweren Gang an, wenn sie zum Standesamte wallen.
Im Dorfe selbst sind drei bemerkenswerte Gebäude: Rittergut, Kirche und Gasthof, welche, wie auch anderswo, eng beisammenliegen. Die Pfarrei Wiedersberg gehörte nebst Sachsgrün, Eichigt, Krebes und einigen anderen zu den sogenannten »Streitpfarren«. Obwohl in Sachsen gelegen, übte in diesen ehemals zum Erzbistum Bamberg gehörigen Kirchgemeinden die Krone Bayern das Patronatsrecht aus, und erst 1845 wurde dieses Recht durch Vergleich an Sachsen abgetreten. Das Wiedersberger Gotteshaus enthält zwei Holzschnitzwerke unbekannter Meister: einen Taufengel und den mit der Kanzel verbundenen Hochaltar. Den Taufengel mit dem »hölzernen Wiesenblumenstrauß« hat Kurt Arnold Findeisen in seinem ersten Versbuch »Mutterland« besungen.
Zu Wiedersberg im schmalen Gotteshaus
Steht ein großer Engel vor den Bänken,
Der trägt seit Menschengedenken
In der Hand einen hölzernen Wiesenblumenstrauß.
Mit der andern stützt er in Himmelsgeduld
Das samtbeschlagene Lesepult.
Der Schnitzaltar ist kein Kunstwerk, ist vielmehr in seiner köstlichen Naivität als Arbeit eines bäuerlichen oder bürgerlichen Handwerksmeisters anzusprechen. Zwischen den lebensgroßen Figuren des Petrus und Paulus ist eine etwas kleinere Kreuzigungsgruppe dargestellt. Als eine Art Predella erhebt sich unmittelbar über dem Altartisch eine stark realistische »Einsetzung des heiligen Abendmahls«. Der unbekannte Schnitzmeister war nicht imstande, den an der Brust Jesu liegenden Lieblingsjünger Johannes naturwahr darzustellen. Diese Einzelfigur wirkt in ihrer mißratenen Kleinheit als Knabengestalt. Sehr geschickt dagegen sind die links und rechts herabhängenden Blumenbänder ausgearbeitet.