Ein wahres Juwel echter Heimatkunst ist der in der Mitte des Dorfes gelegene, im Jahre 1711 erbaute Gasthof. Das an derselben Stelle stehende frühere Wiedersberger Wirtshaus beherbergte, wie eine in Dresden liegende Urkunde berichtet, den im Jahre 1354 hier durchreisenden Kaiser Karl IV. Eine Stange ragt vom braunen Fachwerkbau weit über die schmale Dorfstraße. Am vorderen Ende dieser Stange hängt ein altertümliches, wertvolles Wirtshausschild. Kein Geringerer als Hermann Vogel hat das Wiedersberger Gasthaus samt dem Wirtshausschilde im Bilde festgehalten, und zwar im »Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« in der illustrierten Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen: An der rechten Seite der Dorfstraße der Gasthof, links das Holzgeländer am Feilebach. Droben auf waldiger Höhe das Raubschloß. Auf der Straße der Wirt mit dem tapferen Junker. Und das Malersignum H. V. ist eingedrückt dem feisten Hinterschenkel eines über den Weg laufenden – Schweines. Der Märchenmaler, der so gern hier oben im abgelegenen Feilebachtal seine Staffelei aufstellte, ruht nun schon seit zwei Jahren im kleinen Krebeser Dorfkirchhofe. Zwei noch lebende heimische Künstler traten sein geistiges Erbe an. Das Mittelalter ging in der künstlerischen Innen- und Außenschmückung von Gebäuden lediglich bei Schlössern und Rathäusern, Kirchen- und Patrizierwohnungen über das rein Handwerksmäßige hinaus. Die neuere Zeit hat das höchst anerkennenswerte Bestreben, auch bei Neu- und Umbauten großstädtischer Warenhäuser und Banken, Fabrikanlagen und Fremdenhöfe, Dielen und Bars hervorragende Künstler und Kunstgewerbler zur Mitarbeit heranzuziehen. Daß aber ein vom Kunstbetriebe der Großstadt weit abgelegener Dorfgasthof sich etwas derartiges leistet, dürfte doch wohl zu den Seltenheiten gehören. Die fünf graugrün gestrichenen Fensterläden des Wiedersberger Gasthauses sind von den Kunstmalern Albin Enders, Weischlitz und Alfred Hofmann, Stollberg mit Originalbildern und Sinnsprüchen geziert worden. Die geräumige Gaststube atmet wohltuende Beschaulichkeit, und ihre ländlich-einfache Innenausstattung zeugt von feinem, künstlerischem Empfinden. Buntgeblümte Vorhänge an den niedrigen Fenstern. Geranien und Levkoien auf allen Simsen. Eine von der Diele bis zur Decke reichende altmodische Ticktackuhr. Ein glänzender Spiegel aus Urgroßvaters Zeiten über dem Sofa in der Ecke. Überhaupt diese Ecke! Die ganze Wand ist bedeckt mit Radierungen von Albin Enders – Ruine Burgstein, Rittergut Wiedersberg und Rathaus Plauen –, mit alten Stichen in braungetönten Holzrahmen und allerhand andern Köstlichkeiten. In der Mitte des Tisches steht ein Strauß leuchtender Chrysanthemen, blaublütiger Glockenblumen und purpurner Kuckuckslichtnelken. Daneben liegt, mit seinem buntgekästelten Buchdeckel stimmungsvoll dazu passend, Kurt Arnold Findeisens »Mutterland«. In der rechten Wandecke eingebaut, ein kleiner Schrank mit dem Fremdenbuch. Dies Buch ist es wert, daß man ein geruhsam Stündlein sich mit ihm abgibt. Hier ist Albin Enders, der Hausmaler, zum Hauspoeten geworden. Das von ihm verfaßte und eigenhändig eingetragene Geleitwort lautet:

Trägst sinnig froher Wandrer du, in dieses Buch dich ein,

So wird es eine Freude auch für jeden andern sein.

Und kehrst du selbst nach Jahr und Tag in Wanderlust zurück,

Wirst abermals genießen dann ein längstvergangnes Glück.

Und dann folgen in bunter Reihe Beiträge von Louis Riedel, Emil Schwarz und anderen bekannten und unbekannten Poeten des Vogtlandes. Das Wertvollste aber sind zahlreiche Federzeichnungen des zweiten Wiedersberger Hauskünstlers Alfred Hofmann, Stollberg. Es gibt im Vogtlande nur noch ein Fremdenbuch, das sich an künstlerischem Werte dem Wiedersberger an die Seite stellen könnte: das Burgsteinalbum der Rahmig-Milda.

So ist der kleine Raum geweiht durch Eigenarbeiten begnadeter heimischer Maler und Dichter.

Die Heimat ist auch in ihren unbedeutendsten und abgelegensten Winkeln groß und bedeutend für den, der mit offenem Auge und warmem Herzschlag ihre Schönheiten schaut.

Zur Geschichte des Jägerhofes zu Dresden

Von Dr. Koepert