Abb. 2 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852

Wortgehalten wird in jenen Räumen

Jedem schönen, gläubigen Gefühl!

Wer es glaubt, dem ist das Heil’ge nah!

Am Neujahrstag 1825 aber schrieb er in sein Tagebuch: »Mir ist um Mitternacht ein neu Gestirn aufgegangen, es leuchtet und wärmt zum Leben, und ich fange nun erst an zu leben, nämlich im Glauben und in der Wahrheit.« Diese Worte beziehen sich auf den Silvesterabend, den er wenige Stunden vorher mit seinen drei vertrautesten Freunden in dem Dachstübchen einer engen Gasse verbracht hatte. Unter dem Läuten aller Glocken der ewigen Stadt feierten sie das Neujahr mit dem Choral »Nun danket alle Gott«. Dieser Abend hatte die weihevolle Stimmung vom Weihnachtstag her noch verstärkt und vertieft, und Richter hat später wiederholt von jenen Tagen als den entscheidendsten seines Lebens gesprochen. »Die Weihnachts- und Neujahrszeit ist mir immer doppelt lieb und heilig, weil es die Zeit meiner zweiten Geburt zu einem wahrhaften und besseren Leben geworden ist.« Liegt über Richters Briefen auch sonst immer ein Hauch zarten, feinen Empfindens, so erhalten vollends die um die Jahreswende geschriebenen immer einen besonderen tiefen Klang.

Abb. 3 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852

Dies alles kann nicht übergangen werden, wenn wir uns nach Richters Weihnachtskunst umschauen. Denn hier zeigt sich das, was auch aus seinen Bildern spricht, daß er nicht nur die ästhetischen Werte, sondern auch die religiösen Kräfte dieses Festes aller Feste nachzuerleben wußte. Und aus diesem frommen Erleben, nicht nur aus der künstlerischen Begabung, erklärt sich der Reichtum, die Kraft und Lebendigkeit seiner Weihnachtsbilder. Der große Dichter Otto Ludwig, der damals auch in Dresden lebte, labte sich noch auf seinem letzten Krankenlager an Richters Bildern, fuhr mit knöchernem Finger darüber hin und sagte: »Das ist noch einer, der den Kindern ihren Weihnachtsbaum anzünden kann. Nach ihm wird’s keiner mehr so können.«

Abb. 4 Aus: Knecht Ruprecht. 1854