Ja, es müssen doch schöne Jahre gewesen sein, die stillen vierziger und fünfziger Jahre, die solche edlen Früchte deutscher Kunst und deutschen Gemütes zeitigten. Da verging kaum ein Weihnachten, zu dem nicht unser Dresdner Meister seinem Volk ein Werk von seiner Hand auf den Weihnachtstisch legte: 1840 die Geschichte des deutschen Volkes von Duller mit vierundvierzig Holzschnitten, 1841 den Landprediger von Wakefield, 1842 Musäus’ Volksmärchen mit sogar hunderteinundfünfzig Holzschnitten, 1844 die köstlichen Illustrationen zu den Studentenliedern, denen 1846 die Volkslieder folgten und so fort bis zu dem großen Bechstein von 1853 mit seinen hundertsiebzig meisterhaften Märchenbildern. Aber das sind nur die bekanntesten. Dazwischen laufen die alljährlich erscheinenden Volkskalender von Nieritz und die »Spinnstuben« des rheinischen Volksschriftstellers W. O. von Horn. Vor allem aber weihnachtlichen Charakter trugen die kleinen, heute fast vergessenen und verschollenen Kinderbücher des Dresdner Schriftstellers und Buchhändlers Löschke, der sich Traugott nannte: An der Krippe zu Bethlehem, Familienlieder und der in drei Jahren wiederkehrende Knecht Ruprecht. Das alles waren Gaben an das deutsche Volk, die sich trotz ihrer äußeren Schlichtheit mit allem messen dürfen, was nachmals »für den Büchertisch« zu Weihnachten geschaffen worden ist. Und es ist bemerkenswert, daß auch jetzt noch immer die Bücher und Mappen Ludwig Richters sich auf dem Bücher-Weihnachtsmarkt siegreich behaupten.

Abb. 5 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855

Leider läßt sich meine Absicht nicht durchführen, Richters Weihnachtsbilder in größerer Zahl hier darzubieten. Man nehme mit den wenigen Proben vorlieb. Sein ältestes Weihnachtsbild finde ich in dem Büchlein »Bilder und Reime für Kinder«, das zuerst 1844 bei Justus Naumann in Dresden erschien. Da ist der Christmarkt dargestellt, eine Weihnachtsbude, um die sich die Kinder drängen, mit der stolzen Firma »Caspar Mops aus Chemnitz«. Die erste Darstellung aber des lieblichen Wunders von Bethlehem, der sich mit immer neuer Gestaltungslust unsres Meisters so viele anreihten, erschien 1847 ([Abb. 1]) in einer heute fast unauffindbaren Illustrierten Jugendzeitung (Leipzig, Brockhaus). Wie ist hier das hohe Thema, das die Kunst ganzer Jahrhunderte in allen Variationen gespielt und bis zum Höchsten gesteigert hatte, so ganz ins Schlicht-Menschliche übertragen! Am ersten werden wir dabei noch an Meister Dürer erinnert, dessen geniale, derbe, ausdrucksfähige Holzschnittkunst ja auch auf Richter wie eine Offenbarung wirkte. In Rom hatte er beim Freunde Veit zum ersten Male diese Blätter gesehen, und seinen Einzug in Meißen als junger Ehemann feierte er, der damals am allerwenigsten zu brechen und zu beißen hatte, mit dem Erwerb von Dürers Marienleben für zweiundzwanzig harte Taler. Gerade Richters Weihnachtskunst bestätigt es, daß diese für ihn bedeutende Summe »reiche Zinsen getragen« hat. Doch diese starke Anregung des deutschen Altmeisters hat ihn nicht zu schwächlicher Nachahmung verleitet. Richter blieb ein Eigener, so sehr, daß man ihn in seinen Holzschnitten sofort erkennt. Er ist weicher, kindlicher als Dürer, aber nicht weichlich, nicht sentimental wie die »Nazarener« jener Zeit, sondern immer gesund, natürlich, einfältig.

Abb. 6 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855

Man soll gerade auch Richters frühe Arbeiten im kleineren Format nicht übersehen. Sie gehören zu seinen schönsten und ursprünglichsten. Zwei Perlen sind die [Abb. 2] und [3] aus dem Büchlein »An der Krippe zu Bethlehem« von 1852, der nächtliche, vom Öllämpchen erleuchtete Stall mit den Dudelsack blasenden Hirten und vor allem das ganz zarte Bild des schwebenden Kindleins in der Krippe unter dem Christbaum mit den singenden Engeln. Aus dem »Knecht Ruprecht« von 1854 ist dann die versonnene »Flucht nach Ägypten« durch den deutschen Wald, aus dessen Dunkel die heilige Familie heraustritt ([Abb. 4]).

Abb. 7 Aus: Gesammeltes. 1869

Mit den Jahren nimmt Richters Kunst einen größeren Stil an. So schuf er 1855 für die Mappe »Beschauliches und Erbauliches« den Weihnachtschoral vom alten Meißner Stadtturm ([Abb. 5]). Christmorgen ist es. Das erste Tageslicht dämmert unter den Sternen herauf. In den Häusern brennen die Lichter, denn man rüstet sich zum Gang in die Christmette. Im Turm aber schwingt die Weihnachtsglocke. Und nun schwingen die Klänge des Chorals über der eben erwachenden Stadt. Die Kinder sind so munter, wie sonst nie im ganzen Jahr in so früher Morgenstunde. Hell bescheinen die Kerzen und Windlaternen ihre pausbäckigen Gesichter. Ihr Gesang aber wird von dem schwarzen Kater auf dem Dach akkompagniert. Ja, es ist so vieles in diesem Bilde, was wir uns auch für unsre Weihnachtsfeier wieder herbeiwünschen möchten. Richter hat dieses Bild geschaffen mit wundem und wehem Herzen, als ihm sein liebes Weib durch einen Herzschlag plötzlich entrissen worden war. Er hat sich nicht verbittern lassen, er wußte nun noch viel besser, was Weihnachtsfreude ist: »Christenfreude«, wie er ein ganzes Buch aus demselben Jahr, ein rechtes Bekenntnisbuch seiner selbst und Trostbuch für das deutsche Haus, betitelte.