Von A. Klengel
Auf der Wanderung durchs deutsche Märchenland führt uns der Weg oft an verwunschenen Schlössern vorüber! Burgen liegen, unnahbar unserm Schritt, verträumt auf hohen Bergen, Schlösser einsam und versteckt im tiefen Walde, durch einen Machtspruch verzaubert und der Erlösung harrend.
Weit hinter uns liegt heute dies Traumland unsrer Kindheit, kaum die Erinnerung ist geblieben an die Märchen, denen wir einst so gern und andächtig lauschten. Und doch tauchen auf unsern Wanderungen durchs schöne Heimatland zuweilen Gestalten auf, die urplötzlich in uns wachrufen, was eingeschlummert war unter den Eindrücken des Alltags, was verweht schien in den Stürmen des Lebens. Dann liegt greifbar vor uns, was einst das Kinderherz erfreute, das kindliche Gemüt beseelte.
Ein solches Märchenbild ist das Jagdschloß Rehefeld droben an der Landesgrenze im meilenweiten Hochwald des Erzgebirges. Einsam und verlassen liegt das turmüberragte und erkergeschmückte Bauwerk hoch am Hange des Weißeritztales. Zum verwunschenen Märchenschloß wurde es, als das Königspaar Albert und Carola dahingegangen war. Das muntere Treiben königlicher Weidmannsherrlichkeit verstummte, des Jagdhorns letzter Ton war verhallt, die Läden schlossen sich über den blinkenden Fenstern des Schlosses und nur ernstes Waldesrauschen umklingt noch die Stätte, wo einst ein edles Herrscherpaar, fern von höfischen Pflichten, Erholung suchte in unberührter Waldnatur und Mensch war auf herbschöner Heimaterde.
Ein Märchenschloß liegt vor uns! Dicht heran drängt sich der dunkle Wald und des Waldes Tiere suchen vertraut seine Nähe. Zu Füßen des Schloßberghanges strömt die Weißeritz in jugendlicher Schnelle talwärts und bietet mit den verstreut liegenden Holzhäuschen der Dörfer Zaunhaus und Rehefeld ein Bild, das in seiner schlichten Anmut an ein einsames Hochgebirgstal erinnert. Und darüber hinaus, soweit das Auge reicht, breitet sich dunkler, harzduftender Fichtenwald aus in ernster, herber Schönheit.
Rehefeld
Aufnahme von Walter Hahn, Dresden
Die weiten Wälder um das Jagdschloß Rehefeld sind mit der nun Geschichte gewordenen alten kursächsischen und königlichen Weidmannsherrlichkeit untrennbar verbunden. Schon Name und Entstehung der beiden nahen Dörfchen Zaunhaus und Rehefeld lassen dies erkennen. Zaunhaus verdankt seinen Ursprung dem Zaun- und Forsthause, das Kurfürst Moritz um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts als Amtswohnung des Zaunknechtes am großen Wildzaun an der nahen böhmischen Grenze errichtete. Der eigentliche Ort entstand im achtzehnten Jahrhundert, als sich Waldarbeiter auf Räumen ansiedelten, die man ihnen aus den kurfürstlichen Waldungen »vererbte«. Einen ähnlichen Ursprung hat das Dörfchen Rehefeld. Kurfürst Johann Georg II. errichtete um 1670 dort im Wald ein Forsthäuschen, das dem Oberforstmeister überwiesen wurde und später, gleich einem kleinen Rittergut, Schriftsässigkeit und Jurisdiktion erhielt; es ist das heutige Forstamt. Auch hier siedelten sich Waldarbeiter auf geräumtem Kahlschlag am Weißeritzufer an. Es entstand ein Dörfchen, das ursprünglich Sorgenfrey genannt wurde, aber vom König August II. bei einer Jagd den Namen Rehefeld erhielt.
Die weiten und zum Teil unwegsamen Waldungen boten dem Wild seit alter Zeit treffliche, geschützte Standorte und den Landesherren reiches Weidmannsheil. Zwar fließen die Quellen, die von der Erlegung des ritterlichen Wildes vergangener Tage – Bär, Wolf und Sau – in dieser Gegend berichten, nur spärlich; daß jedoch ein urwüchsiger Wildbestand vorhanden war, ist daraus zu erkennen, daß noch im Jahre 1715 in der Nähe ein Vielfraß (Gulo borealis) erlegt wurde.