Von größter Bedeutung für diese heimatlichen Jagdgründe war jedoch immer das stolze Edelwild unsrer Gebirgswälder, der Rothirsch. Der Hirschjagd und Hirschhege, die unter König Albert dort ihren Höhepunkt erreichten, verdankt auch das Jagdschloß Rehefeld sein Dasein. Infolge der ums Jahr 1860 einsetzenden sorgsamen Hege hatte sich der etwas verkümmerte Edelhirsch des östlichen Erzgebirges prächtig entwickelt und gut vermehrt, standen doch z. B. im Jahre 1892 auf dem etwa sechzehntausend Hektar umfassenden Rehefelder Jagdrevier gegen siebenhundert Stück Rotwild. Stattliche Vierzehnender mit einer Stangenhöhe bis zu ein Meter zehn Zentimeter waren keine Seltenheit und noch heute erzählen die alten Gebirgsbewohner gern von den gewaltigen Rudeln prächtiger Edelhirsche, die im hohen Schnee zur Fütterung zogen und von den kapitalen Platzhirschen, die an nebelfeuchten Herbsttagen mit dumpfdröhnendem Brunftschrei ihre Rivalen zum Kampfe riefen.

König Albert lag schon als Kronprinz oft und auf längere Zeit dem Weidwerk in Rehefeld ob. Da er und seine oft zahlreichen Jagdgäste in den kleinen und weit voneinander entfernten Orten nur unter Schwierigkeiten Unterkunft fanden, wurde im Jahre 1869 das schlichte Jagdschlößchen erbaut. Der überaus zierliche, in nordischer Bauweise ausgeführte Holzbau ist ein Weihnachtsgeschenk der damaligen Kronprinzessin Carola an ihren Gemahl. Auch die fürstliche Geschenkgeberin hatte Gefallen gefunden an dem herrlichen Fleckchen Erde, auf dem Rehefeld liegt. Bis zu ihrem Tode verbrachte sie die Sommerwochen im Jagdschloß Rehefeld, im freundnachbarlichen Verkehr mit den schlichten Gebirgsbewohnern und von ihnen geliebt und verehrt.

Obwohl das Schlößchen das Königspaar regelmäßig auf längere Zeit beherbergte, ist seine innere Ausführung und Ausstattung außerordentlich bescheiden. Es reicht jedenfalls bei weitem nicht an das heran, was man gemeinhin unter einem vornehmen Landhause versteht, von höfischem Prunk kann überhaupt keine Rede sein. Die innere Ausstattung, der sogar die gemütliche erzgebirgische Ofenbank um den mächtigen Kachelofen des Eßzimmers nicht fehlt, ist ganz dazu angetan, Naturfreunden ein trauliches Heim zu bieten, die schwerer Pflichten ledig für einige Zeit ganz der herrlichen Waldumgebung leben wollen.

Den Bedürfnissen eines längeren Aufenthalts der Besitzer und ihrer Gäste entsprechend, machten sich später einige Ergänzungen erforderlich. In der Nähe entstand ein Stallgebäude und ein schlichtes Haus für Hofpersonal und Küche. Ein Schmuckstück für sich ist die im Jahre 1879 nach Plänen der Meyerschen Kunstanstalt in München in skandinavischer Bauweise errichtete winzige Kapelle. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erhielt die Südseite des Schlosses einen niedrigen spitzbedachten Turm. War das Bauwerk, streng genommen, zuerst nur ein Jagdhaus gewesen, so konnte es nunmehr Anspruch auf den Namen Schloß erheben; denn nach landläufigen Begriffen gehört nun einmal zu jedem Schloß ein Turm.

Das Schloß und seine Nebengebäude sind bis auf die Grundmauern durchweg aus Holz erbaut. Es darf deshalb nicht wundernehmen, daß uns beim Eintritt in die Vorhalle das Bild des St. Florian entgegenleuchtet, des Schutzheiligen gegen Feuersgefahr, zu dem man in Süddeutschland einst betete: O du heil’ger Florian, laß stehn dies Haus, zünd’ andre an! Die schmückende Ausstattung des Jagdschlosses entspricht ganz seiner Bestimmung und Umgebung. Außer Gemälden der Jagdmaler Mühlig und Guido Hammer bildet eine Sammlung starker Geweihe von Hirschen, die König Albert auf Rehefelder Revier erlegte, die Hauptzierde. Dazu gesellen sich andre jagdliche Erinnerungen aus König Alberts Zeit.

Nach König Alberts Ableben verblaßte der Stern Rehefelds. Zwar hielt sich die Königin Carola bis zu ihrem Tode noch alljährlich längere Zeit dort auf, doch die Bedeutung des Schlößchens als Stätte fröhlichen Weidwerks war geschwunden. Der reiche Bestand an Edelhirschen wurde herabgemindert, und was heute dort noch durch den Wald zieht als alter deutscher Weidmannsherrlichkeit letztes Vermächtnis ist kaum ein schwacher Abglanz aus der Zeit, da die schwarzgelbe Standarte auf dem Schloßturme verkündete, daß der greise königliche Jäger seine geliebten Rehefelder Jagdgründe aufgesucht hatte und daß die Königin gekommen war, um mit der Rehefelder Jugend schlicht-fröhliche Kinderfeste zu feiern.

Fest verriegelt sind heute Türen und Fenster des vom Wind und Wetter gebräunten Jagdschlosses. Vergeblich klopft der Wandrer, Einlaß begehrend, beim Schloßverwalter an; Rehefeld ist als Privateigentum für jeden Besuch gesperrt!

Man tut recht daran! Warum die wenigen Sehenswürdigkeiten des Schlosses öffentlicher Schaulust preisgeben? Das Königspaar wohnte hier, um sich der herrlichen Waldnatur zu freuen, die selten so schön und ursprünglich erhalten ist, wie hier im stillen Weißeritztal. Auch den sinnigen Wandrer schlägt der Heimatwald in seinen Bann, er freut sich seiner Schönheit und zieht zufrieden seine Straße, auch ohne den Fuß über die Schwelle des Schlosses gesetzt zu haben.

Eine wiedergefundene alte Postmeilensäule