Erfreulicherweise haben die in diesen Blättern wiederholt gegebenen Hinweise jetzt zur Auffindung einer der so selten gewordenen Halbe-Meilensäulen aus der Zeit August des Starken geführt.

Wiederaufgerichtete Postmeilensäule an der Staatsstraße von Öderan nach Freiberg

Seit alters stand an der Staatsstraße von Öderan nach Freiberg, in der Nähe des Öderaner Schützenhauses eine alte Steinbank. Architekt Kempe aus Öderan, dem die eigenartige Form des Steinsitzes aufgefallen war, ließ in diesem Sommer die Bank abbrechen und es ergab sich, daß diese aus Teilen einer der alten Postmeilensäulen aufgebaut war. Die Initialen, Posthorn und Jahreszahl 1722 waren noch wohl erhalten, desgleichen auch die Entfernungsangaben: Öderan ½ Stunde und Chemnitz 51/8 Stunde. Mit dankenswerter Hilfe des Erzgebirgsvereins Öderan und des Landesamtes für Denkmalpflege gelang es den Bemühungen des Herrn Kempe, das seltene Stück wieder am alten Platz aufzustellen, wo es nun als Zeuge vergangener sächsischer Geschichte eindringlich und reizvoll im Landschaftsbilde steht (siehe Abbildung).

Dr. Bachmann.

Das Kamenzer Forstfest

Von Dr. phil. Gerhard Stephan

Wohl jedes Dorf und auch die meisten kleineren Städte haben ihre Schulfeste. Was diese Feiern vor vielen andern besonders in den jetzigen Zeiten auszeichnet, ist ihr ganz und gar unpolitischer Charakter: arm und reich, hoch und niedrig nehmen daran teil und freuen sich an dem Jubel der Kinder. Alle Gegensätze sind verschwunden und jeder fühlt sich als ein Teil des Ganzen. Wenn es doch im Staatsleben auch so wäre!

An Größe wohl, kaum aber an Bedeutung und innerem Werte dürfte eine Stadt oder ein Dorf durch das Kamenzer Forstfest übertroffen werden, das jährlich in der Zeit des Bartholomäustages (24. August) gefeiert wird. Fast eine ganze Woche, vom Montag, oder wenn man will, gar vom Sonntag an bis zum Freitag wird da unser Städtchen in Atem gehalten. Ich vermag es selbst nicht zu sagen, was es ist, das dieses Fest für einen Kamenzer so lieb macht, denn der Jahrmarktsrummel im nahen »Forst«, von dem diese Schulfeier seinen Namen hat, mit seinen Karussells, Luftschaukeln, Schieß-, Würstchen- und Würfelbuden ist ja überall anzutreffen und auch der Kinderauszug gehört eigentlich auch anderswo zur Veranstaltung, wenn auch vielleicht nicht in derartig reicher Ausstattung. Tatsache ist und bleibt jedenfalls, daß man einen Kamenzer nie tiefer beleidigen kann, als wenn man über »sein« Forstfest spottet oder überhaupt daran herummäkelt. Für ihn gibt es eben nur dieses Fest, es sind sozusagen seine Nationalfeiertage, die er da erlebt. Wer sich in der Fremde aufhält, sieht zu, daß er seine Ferien zur Forstzeit legen kann, und es gibt viele unsrer Landsleute, die jahre- und jahrzehntelang nicht in ihre Heimat gekommen sind, dann aber plötzlich zum Forstfest eintreffen[3].

Die Sage hat diese Kinderfeiertage umrankt. Zur Hussitenzeit, so erzählt man – die Geschichte ähnelt ganz der von Naumburg – lag ein feindlicher Fürst mit seinen Horden vor der Stadt und drohte, ungeduldig ob ihres langen Widerstandes und ergrimmt über den Tod vieler seiner Krieger, mit dem Schlimmsten. In der Stadt aber sah es übel aus, der Hunger mußte bald die Übergabe erzwingen. Man bot dem Tschechen Geld, daß er den Ort schone, doch der Böhme hatte sich verschworen, Kamenz auszuplündern und niederzubrennen. Da, in der höchsten Not, zog der Schulmeister mit den Kindern, jedes im weißen Sterbekleide, ins Lager hinaus vor das Zelt des feindlichen Führers und stimmte dort das Lied »Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ« an. Der wilde Slawe wurde von dem Gesang der unschuldigen Kinder so gerührt, daß er noch in der Nacht abzog und Kamenz unbehelligt ließ.