Der böse Historikus freilich hat an dieser schönen Erzählung nichts Wahres gelassen. Die Geschichte weiß vielmehr nur von Greueln dieser fanatischen Glaubensstreiter zu berichten. Im Jahre 1429 drangen sie durch das baufällige Schloß in die Stadt ein und brannten sie nieder. Und zwei Jahre später, als sie wiederkamen, mußte man ein schweres Lösegeld zahlen, um sie loszuwerden. – Man wird es dem Lokalpatriotismus des Kamenzers zugute rechnen, wenn er, sich derartiger unangenehmer Sachen ungern erinnernd, sie durch jene hübsche Sage zu verdecken sucht, aber freilich, diese Entschuldigung zählt bei dem Kritiker nicht.

Das Kamenzer Forstfest

Doch der Geschichtsforscher suchte nach einem anderen Grund und glaubte ihn in den alten Stadtannalen des trefflichen Caspar Haferkorn gefunden zu haben, der etwa folgendes berichtet: Im Jahre 1520 herrschte infolge langanhaltender Hitze eine große Dürre. Um Regen vom Himmel zu erflehen, zogen der Schulmeister, seine Kinder und über dreihundert Jungfrauen in weißen Kleidern, ein Wermutkränzlein auf dem Kopf und ein Paternoster in den Händen, barfuß nach den umliegenden Kapellen St. Just, St. Anna, St. Walpurgis, St. Jacob und St. Wolfgang. Gott erhörte ihr Gebet und sandte am nächsten Tag den langersehnten Regen. Der alte Oberlehrer Klix, ein besonders um die Familie Lessing verdienter Forscher, vermutete nun, daß diese Prozessionen, von denen diese eine wegen ihrer gewaltigen Wirkung in der Stadtchronik Aufnahme gefunden hat, die Ursache zum Forstfeste sei. Doch dieser Grund befriedigt ebensowenig – an einer Prozession pflegen auch Erwachsene teilzunehmen – wie der, daß der Ursprung des Forstfestes in den Gregoriusfesten des Mittelalters, Kinderfeiern, die am Gregoriustage abgehalten wurden, läge. Denn der Gregoriustag fällt in das Frühjahr – 12. März.

In der vorjährigen »Forstfestzeitung« – auch eine solche gibt es! – hat nun Georg Uhlig, der derzeitige Stadtarchivar, eine den Ursprung des Festes wohl richtigtreffende Deutung gegeben, wenn er es als Nachfolgerin der alten Schülerfeste der Lateinschulen erklärt. Ob es sich nun um den »Rutenzug« (virgatum), – das heißt die Schüler zogen aus und schnitten die Ruten, mit denen sie dann das Jahr über verprügelt wurden – oder eine Ursache anderer Art handelt, ist letzten Endes gleichgültig. – – – –

Forstfest! Die Kinder träumen das ganze Jahr davon. »Nach den Großen Ferien ham mer ’ne Woche Schule – da wird nischt gemacht – und dann – nu da is eben Forscht.« Und die guten Mütters haben Arbeit über Arbeit, daß ja das weiße Kleid, der weiße Anzug, die weißen Schuhe und Strümpfe, die Schärpen und was weiß ich, in Ordnung sind. Die Mädels gehen seit den Großen Ferien meist recht merkwürdig frisiert, ihre Haare sind alle ganz fest an den Kopf zu kleinen Röllchen (Schnecken nennt sie der Volksmund) zusammengedreht »von wegen der Locken«. Weißwarenhändler, Schuhmacher und alle verwandten Handarbeiter machen glänzende Geschäfte, und die Gärtner haben alle Hände voll zu tun, um die Kränze, Girlanden, Blumenkörbchen, Bögen herzustellen, Gere und Marschallstäbe zu umwinden. Manch einer geht freilich auch mit einem großen Korb zu dem nahen Busch und holt sich da sein Eichenlaub, und Gott sei Dank verträgt unser Kamenzer Wald diese kleine Schädigung, ebenso die Heide, die auch ihre roten Blüten zum Schmuck hergeben muß.

Sonntag. Im »Forst« entwickelt sich das eifrigste Jahrmarktsleben und der Städter eilt hinaus, um schon die Vorfreuden des nahenden Festes zu genießen. Auch der Landmann ist hergekommen, um für seine Lieben was zu erhaschen, er hat in der Woche meist keine Zeit für solche »Albernheiten«, aber Sonntags – ja das ist ganz was anderes,

Forstfest-Montag. Überall regen sich fleißige Hände, um die Straßen zu schmücken: Girlanden werden von einem Hause zum gegenüberliegenden gespannt, Kränze aufgehängt, Fahnen hochgezogen. Einige fremde Schulen mit ihren Lehrern pilgern durch die Straßen und begucken einstweilen die »Sehenswürdigkeiten«, wobei sie meist das Innere des Andreasbrunnens interessanter finden als den schmucken Renaissancebau darüber, der von Dr. Andreas Guntherius proconsul Camicianus meldet, daß er »patriae pietate impulsus« (also »aus Heimatliebe«!) den Brunnen auf seine Kosten habe 1570 erbauen lassen.

½12 Uhr. Eifriges Streben der festlich geputzten Kleinen mit ihren Kränzlein und Fähnchen zur Schule. Für gewöhnlich haben sie es nicht so eilig, aber heute! Die Alten suchen sich inzwischen einen Platz auf dem Schulhofe zu sichern, sie wollen das Forstfestlied hören, das sie einst als Kinder selbst gesungen haben. Die Turner mit ihrem schmucken Eichenzweig am Hut und die gestrenge »Polizei«, an der heute hocherhobenen Hauptes mancher Junge vorbeischreitet: »Achtung, jetzt komme ich, heute kannst du mir nichts tun,« ja, sie haben eifrig aufzupassen, damit hübsch Ordnung gehalten wird, und die Kinder ins Schulhaus hereinkommen.

12 Uhr. Die Musik setzt ein, die Schultore öffnen sich und hervor ergießt sich der Kinderschwarm. Es sind weit über tausend, die da herausmarschiert kommen. Voran einige ältere mit Kränzen, sie dienen zum festen Halt, denn hinter ihnen strömen die ganz kleinen, die dies Jahr das erstemal mitfeiern. Von den Jungens einige mit Kränzen um ihren Ersten, der die Klassenfahne trägt, die Mehrzahl mit Fähnchen, wobei die jüngsten beiden Jahrgänge die Stadtfarben rot-weiß tragen. Die nächsten die Landesfarben weiß-grün, die älteren die Reichsfarben, bis voriges Jahr schwarz-weiß-rot, heuer schwarz-rot-gold (neben mir stand ein Graubart, dem man ansieht, daß er in seinem Leben gearbeitet, der meinte, wie im Selbstgespräch: »Unser Schwarzweißrot war doch schöner! Das sind außerdem die jahrhundertealten (!!) Farben!« – Volksmeinung, wann wird sie von unsern »Volksvertretern« einmal respektiert werden?). Die ältesten Jungen trugen efeuumwundene Gere. Die Mädels bieten ein fast noch abwechslungsreicheres Bild: Blumenkörbchen wechseln mit Girlanden, ihnen folgen Bogen und Kränze. Die Realschule als Schluß zieht in ihren rotweißen Schulfarben heraus, Jungens, Mädels und wieder Jungens, ihrer schönen seidenen Fahne folgend. Nach mancherlei Verschlingungen hat sich alles im weiten Umkreis aufgestellt. Die Musik macht eine kleine Pause, dann setzt sie von neuem ein und heraus treten die Fahnengruppen mit den alten, einst von Jugendfreunden gestifteten Bannern.