Leider stört in der schönen Harmonie des Schloßhofes das neben dem Hofeingang gelegene Försterhaus, dessen Architektur sich so gar nicht den anderen Bauten – besonders durch das recht flache Dach – anschmiegt. Wie leicht hätte man mit nahezu gleichen Mitteln diesen Mißton vermeiden können.

Abb. 3 Schloß Wolftitz, Tor zum Lustgarten

Das Schloß, das sich mir gastlich öffnete, betrat ich zunächst in dem dem Hoftor gegenüberliegenden Flügel, den ein Spätrenaissancedachaufbau über dem Portal ziert. Vermutlich war dies der Saalbau. Die neuerdings erfreulicher Weise freigelegten alten gekehlten Balkendecken gehen durch die ganze Geschoßtiefe hindurch, das Erdgeschoß ist überwölbt. Eine für die Zeit der Erbauung immerhin breite gradläufige Treppe führt zu diesem großräumigen Obergeschoß hinauf. Heute ist das ganze Geschoß durch eine Anzahl eingefügter Trennwände und durch eine liebevolle Behandlung der Wände, Decken und vor allem der Fensternischen zu einer sehr behaglichen und sonnigen Wohnung umgewandelt worden. Die freigelegten Balkendecken fügen sich trefflich ein. Jede Zeit hat dem Schlosse ihre Spuren hinterlassen und ich glaube, daß dieser Ausbau der ehemaligen Festsäle des Schlosses ein Musterbeispiel genannt werden kann für unsere Zeit. Wir sind arm geworden in der großen Welt. Unsere Heimat, unser deutsches Heim wird aber die Quelle werden für einen neuen Reichtum.

Im Gegensatz zu diesem ausgebauten Saalbau trägt der an den Turm sich anschließende Flügel noch ganz den Charakter des alten Herrenschlosses. Über dem architektonisch ausgeschmückten Rundbogentor sind die Wappen derer von Einsiedel und von Haugwitz angebracht. Eine weite überwölbte Halle empfängt uns. Die Schlußsteine dieser Gewölbe zeigen übereinstimmend das Wappen der Einsiedel. Von der Halle aus ist die sogenannte Kapelle zugänglich, ein rechteckiges geräumiges Zimmer mit einer schönen gegliederten Holzdecke, die die Inventarisation auf die Jahre um 1530 datiert. Hier haben nach alten Verträgen die Pfarrer von Frohburg aller vierzehn Tagen zu predigen. Schumann erzählt, daß das Rittergut nach Eschefeld eingepfarrt sei, während eigentümlicher Weise das Dorf zu Greifenhain gehöre. Die Kapelle enthält ein schönes Taufbecken, Nürnberger Arbeit aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, auf dem der Sündenfall dargestellt ist. Außerdem sind eine Anzahl Bilder beachtlich, unter denen zwei echte Chranachsche Gemälde: Georg den Bärtigen und eine Judith darstellend, sowie die beiden von Luther und Melanchthon aus der Chranachschen Schule wohl die bedeutendsten sind. Die Farbstimmung des ganzen Raumes ist überaus wohltuend. Möchte doch die beabsichtigte Neubemalung – wenn sie wirklich nicht zu umgehen ist – nur einem Künstler ersten Ranges übertragen werden. Denn bei der nahezu gänzlichen Architekturlosigkeit des Raumes bedeutet die Farbstimmung alles.

Die eigentlichen Wohnräume des Schlosses liegen im Obergeschoß. Sie gruppieren sich um den schönen bildergeschmückten Vorsaal. Auch hier oben scheinen noch unter den Putzflächen der Decken, an denen vereinzelt Stuckverzierungen zu sehen sind, die alten Balken der Renaissance der Wiedererweckung zu harren. Schöne eingebaute Schränke, der Schmuck der noch alten Renaissancetüren und vor allem auch eine Anzahl Öfen aus der Zeit um 1800 lenken den Blick auf sich.

Sehenswert sind auch die Holzkonstruktionen der riesenhaften Dächer. Da ist noch nichts zu spüren von Holzmangel. Die Holzstärken wirken wie ein Spott auf unsere »Normen«.

An das Herrenhaus schließt sich der große Pachthof an. Besonders die Blicke von dort auf die hochgiebligen Flügel des Schlosses sind malerisch.

Prächtig schön ist der Wald, der zu dem Rittergut gehört. Der verstorbene Förster August Schmidt und der jetzige Förster Böttrich, der nunmehr dreißig Jahre diesen Wald und seinen guten Wildbestand behütet, haben sich damit ein lebendiges Denkmal gesetzt. Möchte jeder, der dort Stunden der Erholung genießt, wie vor allem allsommerlich die vielen Sommerfrischler von Wolftitz und Streitwald mithelfen die Schönheit dieses Waldes zu behüten.

Dort wo die Dorfstraße auf die Hauptstraße stößt, steht der von den Schloßherren gestiftete Kriegergedächtnisstein von Wolftitz. Schlicht und ernst, ein Zeichen der schweren Zeit, aber auch ein Zeichen dafür, daß man heute wie dereinst vor dreihundert Jahren Sinn für edle schöne Kunst in Wolftitz hat.