An einem prächtigen Vorfrühlingstage wanderte ich durch die stillen Straßen des Städtchens. Wer ahnt, daß hier der Sitz einer Kunsttöpferei ist, die – besonders durch die Ausstellungen auf der Leipziger Messe – einen Weltruf hat?
Auf der Höhe hinter der Stadt, wo die alte Chemnitzer Straße die stattlichen Rittergutsbauten und das Schloß hinter sich läßt, bietet sich dem Auge ein überraschend schönes Landschaftsbild. Der Horizont wird gerahmt von den weitgedehnten Waldungen, hinter denen das berühmte Schloß Gnandstein liegt. Links ragen über die Hügel die zwei nadelspitzen Türme der Kirche von Greifenhain. Vor uns an den Wald geschmiegt, zum Teil von drei Seiten vom Wald umgeben, liegen die beiden fast zu einem verschmolzenen Dörfer Streitwald und Wolftitz, zwei als Sommerfrischen und Ausflugsorte allen Leipzigern wohlbekannte Stätten. Weiter nach rechts an der alten Chemnitzer Straße, umgeben von prächtigem alten Baumbestand, liegt das Rittergut Wolftitz. Der erste Anblick erweckt den Eindruck eines alten umwehrten Ritterschlosses. Ein spitzgedeckter Turm ragt zwischen den hohen Giebeln und breitgelagerten Dächern hervor. Die ganze Gruppe der Gebäude und Bäume bildet ein so einheitliches Ganzes, daß es in kunstliebenden Augen nur helle Freude wecken kann. Und noch eine weiter rechts vor dem Walde auf einem vorgelagerten Hügel sichtbare schöne, alte Baumgruppe zieht das Auge unwillkürlich an. Man denkt an alte heidnische Opferstätten oder an die Hünengräber der Lüneburger Heide. Diese Vermutung barg etwas Wahres in sich: Es ist die Totengruft, die Begräbnisstätte der Herren von Einsiedel, die seit 1455 Besitzer von Schloß und Rittergut Wolftitz sind. Ein selten schöner, weihevoller Platz, würdig des alten Herrengeschlechtes.
Ich wandere von der Höhe hinter dem Frohburger Schloß talwärts auf Wolftitz, meinem Ziele zu.
Kunstgeschichtliche Streifzüge soll man nicht unvorbereitet unternehmen. Das hat bei Schloß Wolftitz einige Schwierigkeiten. Die »Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, die sich zur Zeit der Bearbeitung dieses Gebietes im Wesentlichen mit kirchlichen Bauten beschäftigt, sagt über das Schloß nur wenig. Die geschichtlichen Nachrichten stammen aus dem bekannten Schumannschen Ortslexikon von Sachsen. Aus diesen beiden Quellen kann man entnehmen, daß der Bau des heutigen Schlosses Wolftitz aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt und 1625 bis 1626 restauriert wurde. Beides wird bestätigt durch die Architekturreste, die sich am Bau befinden. Die schlichten Fasenfenster, die spitzen Giebel sind noch gotischen Ursprunges, die Balkendecken und die meisten anderen künstlerischen Schmuckteile stammen aus dem zweiten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts. Der Bau scheint im dreißigjährigen Kriege, der in dieser Gegend erst in den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts wütete, wenig gelitten zu haben.
Abb. 1 Schloß Wolftitz, Blick vom Pächterhof aus
Die Landstraße führt zwischen dem Schloß und der ehemaligen Schmiede hindurch. Neben der Schmiede sieht man ein schönes barockes Tor und seitlich zwei gleichfalls barocke Figuren. Das Tor führt nach dem sogenannten Lustgarten, der jetzt der Obstgarten des Schlosses ist. Der Name in Verbindung mit den Architekturresten weist auf die Zeit, da man an die Herrensitze kleine nach französischer Art zugestutzte Architekturgärten anfügte. Was der prachtliebende August der Starke in und um Dresden in großem Stile ausführte, das fand in etwas bescheidenerem Umfang wohl auch hier Aufnahme.
Gegenüber diesem Portal zum Lustgarten lag der jetzt leider verstümmelte Eingang zum Schloßhof. Wie er gestaltet war, das läßt sich nur mutmaßen aus dem im Torpfeiler vermauerten Schlußstein mit der immer wiederkehrenden Jahreszahl 1625. Der Blick in den Hof ist überaus erfreulich. Breitästig steht ein schöner alter Nußbaum in seiner Mitte. Links, das Wirtschaftsgebäude mit seinen großen Toren barg wohl dereinst Rosse und Wagen, darüber zieht sich eine reizvoll ausgebildete Holzgalerie. Der Hof wird beherrscht von dem Treppenturm, der sich an den einen Flügel des Schlosses – wohl ursprünglich dem eigentlichen Wohnflügel – anlehnt. Nach der äußeren und inneren Gestaltung des Treppenturmes möchte ich auch ihn dem Umbau der Jahre 1625 bis 1626 zuschreiben. Wo dereinst die alte Uhr die Stunden kündete, hat nun ein Wasserbehälter zu Nutz und Frommen der Schloßbewohner seinen Platz gefunden.
Abb. 2 Wolftitz, Schloßhof