So geschah es im Mittelalter. In unserer Zeit glaubt kein Mensch mehr an diesen tollen Unfug, aber die Sitte des Feuerbrennens und der Kreidebemalung hat sich vielerorts, besonders auch in katholischen Gegenden, erhalten. So auch bei uns im Kamenz-Bautzner Bezirke, und zwar besonders in den wendischen Gegenden, während die deutschen Gebiete nur in ihren Grenzstreifen sich am »Hexenabend« beteiligen.
Die Jugend ist es natürlich, die diese Sitte hochhält. Tagelang vorher sieht man die Jungens von Haus zu Haus laufen, um sich einen alten Besen zu erbetteln. Und auch gar mancher, der noch nicht ausgedient hat, muß dran glauben nach dem bekannten Motto: »Geh weg, oder ich find’ch«. Die Besen werden schön mit Holzwolle und ähnlichen brennbaren Stoffen ausgestattet, besonders Teer und Petroleum werden gern verwendet, und nun ruhen sie im Schuppen – den Abend erwartend.
Doch damit man nicht selbst den teuflischen Geistern verfällt, wird man von einer liebevollen Hand »bekreuzelt« oder, in schlichtes Deutsch übersetzt, einem der Rücken mit Kreide vollgeschmiert. Da kann man oft recht erboste und anderseits wirklich »teuflisch« sich freuende Menschenkinder beobachten. Aber merkwürdig: Es scheint, als ob nur der Choleriker eines solchen »Schutzes« vor dem Reich des Satans bedürfe!
Es beginnt kaum zu dunkeln, da brennen schon die Feuer auf den Höhen. Wir steigen den Kamenzer Hutberg hinan. Vor uns und hinter uns ein unendlicher Schwarm. Denn der »Hexenabend« ist ein Ereignis. Das weiß auch der geschäftstüchtige Hutbergwirt – im alten Gasthaus hat er – zeitgemäß – eine »Ef-Zet-Likörstube« eingerichtet. Nun, wir nehmen sie nicht in Anspruch, sondern wenden uns lieber der »Mark« zu, wo auf der Höhe ein gewaltiges Feuer brennt. Und daherum die »Hexen«, das heißt eigentlich sollten es ja gerade deren Vertreiber sein, aber im Volke, wo sich die »historischen« Zusammenhänge etwas verwischt haben, sind es eben die »Hexen«. Sie schwingen ihre Besen im Kreise. Einem feurigen Rade gleicht es von fernen. »Auch die brave Polizei ist wie gewöhnlich schnell dabei«, – um den unvergleichlichen Busch in etwas abgeänderter Form zu zitieren – ihr Zweck wird ersichtlich aus dem immer wiederkehrenden Mahnwort: »Daßerr mirr ni de Felderr zerrtrretet«.
Wir blicken in die Ferne. Soweit das Auge nach Osten und Südosten schaut – Feuer und Feuerräder. Die wendische Gegend. Über fünfzig kann man zählen, die vorderen noch groß und mächtig, dazwischen öfters der Schatten vorbeihuschender Gestalten – es sieht ganz unheimlich aus. Nach dem Horizont zu wird es immer kleiner und die fernsten Feuer – in der Wittichenauer, Königswarthaer und Bautzner Gegend grüßen nur als kleine Punkte. Anders ist das Bild gegen Westen. Hier hemmen allerdings die letzten Ausläufer der Kamenzer Berge einen weiten Blick, aber soviel ist doch ersichtlich: außer in den nächsten Orten, wie Lückersdorf und Gelenau, gibt es nur vereinzelte Brände. Das Gelände liegt im Schatten der Nacht. Die Deutschen Kolonistendörfer. So zeigt sich auch hier der Unterschied zwischen zwei Volksstämmen, aber wie überall mit der »Übergangszone«.
Unsre hiesigen »Pfadfinder«, unter ihrem tätigen Feldmeister Mai, feierten ihren »Hexenabend« besonders schön. Sie waren schon am Nachmittag ausgerückt – zum Galgenberg, in einen alten Steinbruch, der sich schluchtartig nach hinten zog. Hier begann bald ein rühriges Treiben. Nachdem jede Gruppe um ihren Wimpel ihre mitgebrachten Sachen (was mochten die wohl alles enthalten?) verstaut hatte und die große Fahne auf der Höhe eingerammt war, um Gönnern und Freunden den Weg zu zeigen, gings an die Arbeit. Da mußte zunächst Holz herbeigeschafft werden – also zog ein Holzholerkommando mit einem Wagen los in den nahen Busch. Die andern aber scharten sich um Satanas, den Oberteufel, und probten für die »Wolfsschluchtszene« des »Freischütz«. Und als sie dann im Abenddunkel beim Schein des Holzfeuers gespielt wurde – »frei« nach Carl Maria von Weber oder besser Friedrich Kind, mit Hexen und Teufeln, mit Irrlichtern und Schrecken, da wirkte sie in ihrer Umgebung recht hübsch. Dann kam ein fröhlicherer Teil: Man sprang über das Feuer unter allerlei Heil- und Weherufen, die Besen wurden entzündet und der Schwarm der Hexen und »Hexriche« machte einen feierlichen Umzug um den Steinbruch. Einem vorbeifahrenden Zuge, aus dem die Klänge einer Gitarre ertönten, wurde eine besondere Ehrung durch das Schwenken der Besen zu teil – der Anblick für die Zuschauer war prächtig. Volkslieder am verglimmenden Feuer und ein fröhlicher Heimmarsch bildete den Abschluß für diesen Tag, während der folgende, der 1. Mai, der ja bekanntlich dieses Jahr schulfrei war, unsere Pfadfinder – carpe diem – draußen am Deutschbaselitzer Teiche in einem Waldlager bei selbstgekochtem Essen wiedersah.
Wolftitz
Von Dr. Ing. Hubert Ermisch, Leipzig
Bilder von J. Mühler, Leipzig
Dort, wo sich im Süden der weiten Leipziger Ebene die ersten Höhenzüge zeigen, liegt freundlich eingebettet die alte Töpferstadt Frohburg.