Abb. 2 Die Osterblume
Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma mit der Klage zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin das Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig verschwinde«. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich zunächst an den Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden. Dieser beauftragte den leider so früh heimgegangenen Kustos des Sächsischen Herbariums, Herrn Professor Dr. B. Schorler, mit der Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für die von der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage kämen. Dabei betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze eine west- beziehungsweise südwesteuropäische Art ist, welche im Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland sind die zwei sächsischen Standorte Bienitz und Wachtelberg die am weitesten nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich einen weit ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft schon recht eingeschränkt worden. Nimmt man nun hinzu, daß der Bismarckturm als Aussichtspunkt viele Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des Verschwindens nahegerückt, zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt und in manchem Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und in seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich dieser Blütenschönheit zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige Blütenstern, aus dessen Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll abheben ([Abb. 2]). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem Stengel weißlich behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar. Das freiblättrige Perigon, die vielen Staubblätter und zahlreichen Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen, erweisen die Zugehörigkeit der Pulsatilla zur Familie der Hahnenfußgewächse, die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume, welche früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze geschätzt wurde.
Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast einem halben Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit Federschwanz versehenen Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf erinnert auch an den bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester Pulsatilla alpina. Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt. Schmidt, welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges dreiundvierzig Blüten in verschiedenen Entwicklungsstadien zählte, bemerkt hierzu:
Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war mir die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden Federschweifen; ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit fest, daß eine recht stattliche Zahl Blüten pflückenden Händen entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen zu reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die Pulsatilla von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen Stöcken in die Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen war. Dagegen fand ich an den anderen Seiten des Berges, zwischen Bismarckturm und Windmühle, nur ein einziges Exemplar.
Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses dieser Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre aber nicht nur eine ästhetische Einbuße, wenn dieser herrliche Frühlingsbote vom Wachtelberg verschwände, sondern auch ein unersetzlicher floristischer Verlust, da uns dieses Vorkommen der Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden Wanderweg dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom Entstehen unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns hergewanderten Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht. Die mit Federanhang versehenen Früchte können, vom Winde entführt, sicherlich eine weite Luftreise unternehmen. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen Osterblumenbestand von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei Leipzig empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt einem präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel mit herangeführtem Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern verbreitete Pflanze darauf angesiedelt hat.
Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf Anregung der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem Wachtelberggelände Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem Wortlaut:
Heimatschutz!
»Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das Abpflücken, Abzupfen und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder entsprechender Haft
verboten.