Leider war auch der Witterungsverlauf des Frühjahrs und des Sommers 1922 für die Entwicklung der Nonne wieder außerordentlich günstig. Das Frühjahr trat zwar spät ein, es herrschte aber dann fast ununterbrochen trockenes, windstilles Wetter, so daß die Entwicklung der Raupen bis zur Verpuppung völlig ungestört vor sich ging.

Die Folge war in vielen Beständen mehr oder weniger starker Lichtfraß, stellenweise in den besonders stark belegten Flächen auch Kahlfraß, jedenfalls war aber später festzustellen, daß viele Bestände, die sonst unfehlbar dem vollen Kahlfraß zum Opfer gefallen wären, durch den Leimring, der ungezählte Millionen von Spiegelräupchen vernichtete und später ebensoviel alte Raupen abfing, nur lichtgefressen und daher erhalten geblieben sind, so daß sich die Kosten für die Leimung reichlich bezahlt gemacht haben.

Gewaltig war in diesem Jahre der Falterflug, zeitweise machte er den Eindruck eines starken Schneegestöbers.

Ebenso wie 1920 uns aus Böhmen große Überflüge heimgesucht haben, sind nun in diesem Jahr aus den Hauptbefallsgebieten der Sächsischen Schweiz große Überflüge in nördlicher Richtung erfolgt und haben vermutlich die Gebiete des Fischbacher Waldes, der Dresdner und der Lausnitzer Heide, des Tharandter Waldes usw. heimgesucht und dort ihre Eier abgelegt, so daß nunmehr auch diese Gebiete und ebenso die dortigen Privatwaldungen für nächstes Jahr gefährdet erscheinen.

Die ungeheuren Schäden, die man von den Bergen der Sächsischen Schweiz gegenwärtig bei einem Blick nach Böhmen hinüber, aber auch schon in den sächsischen Waldungen selbst, stellenweise zu Gesicht bekommt und die großen Überflüge dieses Sommers, die auch die bewohnten Ortschaften und offenen Fluren und Gärten überfluteten, haben nun die öffentliche Meinung und weite bisher gleichgültigere Kreise aufgerüttelt und auf die Größe der unseren Waldungen drohenden Gefahren aufmerksam gemacht und die vorher vielfach fehlende Geneigtheit bei der Bekämpfung der Nonne werktätig Hilfe zu leisten, geweckt. Dies zeigen auch die zahlreichen in der Presse von mehr oder weniger berufenen Verfassern gemachten, gutgemeinten Vorschläge, die Wahres und Falsches durcheinandermischen und längst versuchte und als unwirksam wieder aufgegebene Bekämpfungsmaßnahmen mit großer Begeisterung erneut empfehlen.

Es seien daher zur Aufklärung die bisher bekannten und in der Praxis bewährten Bekämpfungsmaßnahmen in aller Kürze etwas näher beschrieben.

Abb. 1 Weiblicher Nonnenfalter
(Phot. Emil Wünsche Nachf., Dresden)

Die erste und sinnfälligste Maßnahme ist der Fang der Falter, namentlich der weiblichen, um die Eiablage zu verhüten. (Abbildung 1 zeigt einen weiblichen Falter an einen Fichtenstamm.) Diese Maßnahme ist bei einer beginnenden Nonnenkalamität oder bei eben erfolgten Überflügen in bisher nicht befallene Waldgebiete die wirksamste Vertilgungsmaßnahme, wenn sie sofort nach dem Auftreten der Falter mit möglichster Beschleunigung, also mit möglichst viel flinken und raschen Arbeitskräften, vorgenommen wird. Man kann also in diesem Falle, wenn man wirkliche Erfolge erzielen will, auf die Mitwirkung von Schulkindern nicht verzichten, um so weniger als das erfolgreiche Faltersammeln sich nur auf die kurze Zeit vor und während der Eiablage erstreckt. Falter zu sammeln, die ihre Eier abgelegt haben, hat keinen Zweck, sie tun keinen Schaden mehr und sterben in Kürze ab.

Sehr lebhaft sind zur Faltervertilgung neuerdings wieder Leuchtfeuer, Fackeln, Scheinwerfer oder irgendwelche andere starke Lichtquellen empfohlen worden, alle diese Mittel sind bereits bei früheren Nonnenplagen, so z. B. in den Jahren 1908 bis 1910 in Sachsen und 1890/91 in Bayern in großem Maßstabe versucht worden, sämtlich ohne durchschlagenden Erfolg. Herrscht zufällig einmal bei einem Hochzeitsflug günstiges warmes Wetter, so fliegen wohl einige Zehntausende Falter in die Leuchtfeuer, meistens aber sind es Männchen, denn sowie die Weibchen mit der Eiablage beschäftigt sind, kümmern sie sich um Feuer und Fackeln nicht im geringsten mehr und bei rauhem kühlen Wetter tun dies auch die Männchen nicht.