Stundenlang schritten wir auf dem »Pulsdamm« dahin. Weit und breit war kein Mensch. Einmal ging ein Bauernwagen über eine ferne Brücke – Karren, Pferdchen, Brücke und ein Baum dabei trafen sich für ein Weilchen als feingeschnittenes Schattenbild grau in grau über dem Silberfluß, dann verschwand das lautlose Gefährt hinter flockigem Gebüsch und wir waren wieder allein in der weiten Landschaft, unter dem verschleierten Himmel, der als graue Riesenwand von der flachen Erde aufstieg und unter dem Fluß und Damm, Baum und Wiese groß und einsam ihre stillen Reize ausbreiteten.

Über den naßgrünen Wiesen flatterten schwarzweiße Kiebitze im Taumelflug. Unaufhörlich erfüllten sie die Luft mit ihren besorgten Rufen. Manchmal klingt es schnalzend: knuiuiui knuii, manchmal erregt, durch die Luft fallend: kiwitt – kiwitt. Kiebitzrufe im Nebel – in der Erinnerung steigt die Einsamkeit russischer Landschaften auf. Sand und Sumpf und Nebel im Frühlingslicht und Kiebitzschreie im litauischen Moor: kiwitt – kie-witt …


Das Sprühen hatte aufgehört – man empfand es kaum noch, so gut stimmte es zu dieser Landschaft. Die grauen Wolken flogen höher. Von den Hügeln in der Ferne hoben sich die Schleier. Die Dörfer grüßten.

Und nun standen wir an einem Kreuzweg. Geradeaus blinkte die Pulse. Und quer zu ihrem Lauf zog eine Straße durch das weite Land, eine vom Regen reinlich gewaschene Straße, von weißstämmigen Birken gesäumt. Das zarte Gezweig flutete wie gelöstes Frauenhaar über der hohen Wölbung zusammen. Unter den Birken hin liefen Gräben mit klarem Wasser, in dem grüne Gewächse wie von Glas umschlossen sproßten.

Die Pulsnitz lockte und die Straße lockte. Wir schlugen die Straße ein und marschierten unter den Birken hin. Draußen hinter der Säulenreihe der weißen Stämme lag die weite Ebene. Fichtenwald mit schnurgeraden Schneisen. Verträumte Kanäle. Und wieder die Ebene.

Und wieder ein samtbrauner Fluß zwischen hohen Dämmen: die Schwarze Elster. Der Fluß ist breiter und die Dämme sind höher, aber reizvoller ist die Landschaft an der Pulsnitz.

Wir gingen von Plessa nach Elsterwerda immer auf dem Elsterdamme hin. Rechts begrenzten Hügel die kargere Landschaft: der nördliche Grenzwall des Schradens. Links, leicht verschleiert im kühlen Grau weitete sich die eigentliche Schradenlandschaft mit Gräben und Wässern und Dämmen und Sümpfen und dem lockeren Geflock der Bäume in der Wiesenaue und mit dem graublauen Hügelsaum in der Ferne. Als dunklerer Streifen und ganz allmählich an den Elsterlauf heranbiegend zog drüben der Pulsnitzdamm durch die Ebene, an den man an der Elster zurückdenkt und den man noch einmal gehen wird, im Hochsommer, wenn die Mittagsglut über dem duftenden Heu der Schradenwiesen zittert.

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