Und dann die Pulsnitz selber.
Es regnete wieder. Während wir im Dorfgasthaus einen Kaffee tranken (die Wirtin plättete in der Gaststube und draußen bauschte der Wind eine Karussellplane) hatte es begonnen. Vor uns lagen einige Stunden Weg durch den Schraden, ohne Haus, ohne Dach – noch konnten wir umkehren, nach Ortrand zurückgehen.
Aber vor uns zog die Pulsnitz hinaus in die Weite, ein schmales Silberband zwischen glatten Grasdämmen, in der nebligen Ferne verschwindend. Das lockte uns hinaus.
Und nun lag der Schraden vor uns, um uns.
Man tritt in diese Landschaft, wie man einen Raum betritt – mit einem Schritt. Da liegt die Parkaue mit ihren Bäumen, mit dem Schloß, mit dem Reiz einer gewissen Verfeinerung – und da breitet sich der Schraden, die einsame Ebene im Regengrau, mit Wasserspiegeln und Sümpfen und Torfstichen, mit Birkenalleen und verstreuten Bäumen im Grenzenlosen.
Grenzenlos – so lag der Schraden vor uns. Der Horizont verschwand im Grau. Alle Formen lösten sich auf und wurden weich im Gesprühe, das uns der Wind entgegentrieb. Es regnete nicht entschieden, es war mehr ein nässendes Wehen, als ob fortwährend die Kohlensäurebläschen eines Selterwassers ins Gesicht spritzelten. Und nach einer halben Stunde war man naß. Dabei sickerte durch die übereinander hintreibenden Wolkenschleier ein milchiger Lichtschimmer, der das Grau ringsum durchscheinend machte und keine Trostlosigkeit aufkommen ließ. Die Landschaft überließ sich einer Melancholie, die ihr selber wohltat.
In den flachen Wässern spiegelte sich der geronnene Himmel. Durch das Wasser sproßte spitzes Gras. Regenperlen bedeckten das junge Grün mit einem ganz zarten Silberreif. Sumpfdotterblumen tupften die Wiesen mit ihrem selbstzufriedenen Gelb. Es war ein Vergnügen, die fetten, fleischig knapsenden Stengel zu brechen und den leuchtenden Strauß wie einen Klumpen Sonne durch den silbergrauen Tag zu tragen.
Geradefort, kilometerweit, wie mit dem Lineal gezogen, durchschneidet die Pulsnitz den Schraden. Der Moorgrund schimmert durch die Flut – klarflüssiges, samtbraunes Glas scheint zwischen grünen Uferrändern dahinzufließen. Im Dialekt der Gegend heißt das Flüßchen »die Pulse« – das Wort gibt das gleichmäßig ruhige Wallen dieses Wassers lautmalerisch wieder. Blickt man aber geradeaus, so liegt die Pulsnitz als gestrecktes Silberband in die grüne Ebene eingelassen. Hohe Dämme, ebenso geradlinig gezogen wie der Fluß selbst, fassen die Ufer ein. Manchmal steht ein Baum dicht dabei, ein Gebüsch wächst halb auf den Damm herauf, eine helle Birkenallee kommt von weither, steigt über die Dämme und zieht weiter, eine Brücke spiegelt sich im Fluß, vereinzelte Bäume stehen nah und fern in den Sumpfwiesen, und weit drüben, halb verloren im Grau, dämmert der Hügelzug mit den Schradendörfern.