Am nächsten Morgen fuhr ich in den Schraden.
In der Nacht setzte starker Regen ein, und am Morgen regnete es noch. Es regnete während der Bahnfahrt nach Ortrand, es regnete auf die samtbraunen Äcker, auf die malachitgrünen Saaten, auf fröstelnde Dörfer in der Ebene. Es regnete in Ortrand. Ein herbstlich kühler Wind trieb graue Wolken über die kleine Stadt, deren gefällige Bescheidenheit selbst noch bei solchem Wetter anheimelt. Man geht nur einige Minuten und steht schon am jenseitigen Rande des Städtchens. Die hohen Bäume einer sauberen Allee rahmen hübsche Kleinstadtbilder ein: halb übersponnen von sprossendem Gezweig gucken braune Dächer über die Obstgärtchen weg, eine alte Kirche ragt, umringt von Dächern, Narzissen betupfen regengrüne Graspläne, über andere Dächer weg spitzt ein keckes Kapellentürmchen, ein Wasserstrahl gulkert in einen Steintrog, eine Frau in verwaschenem blauem Rock und blauer Hausjacke kommt und setzt ihren Eimer unter den Strahl und macht sich gar nichts aus dem Regen, draußen liegen grüne Wiesen mit Baumreihen an Wassergräben. Das alles, vom Regen bespritzelt, von grauem Gewölk überflogen, sah recht hübsch aus. Dabei gab es keine großen Geschichten mit Lichteffekten. Dach, Wiese, Acker, Garten gaben sich dem Regen so naiv grün, braun, rotbraun hin, wie sie eben von Haus aus sind.
Und als die Frist bis zum Abgange des Zuges nach Großenhain zurück bald verstrichen war, hörte der Regen auf. Fünf Minuten später lag Ortrand hinter uns und Kmehlen vor uns zu beiden Seiten der Allee mit den hohen Bäumen. Links stieg ein bewaldeter Hügelzug aus Feldern auf. Das war die blaue Mauer, und jetzt marschierten wir hinter ihr entlang.
Kmehlen, das alte Hopfendorf, hat zwei Sehenswürdigkeiten: einen reichgeschnitzten, reichvergoldeten niederländischen Flügelaltar des Brüsseler Bildschnitzers Jan Bormann, ein Werk, von dem die Kunsthistoriker heute noch nicht wissen, wie es in das weltferne Schradendorf geriet, und ein Wasserschloß. Schmucklos und dunkel steigen die Mauern aus dem tiefen Wassergraben auf, der das burgartige Schloß umzieht. Schwere, runde Ecktürme verstärken den Eindruck der Wehrhaftigkeit. Spätere Zeiten haben Blumen, gefällige Holzbrücken, verschnittene Hecken hinzugefügt, und wohl auch die Renaissancegiebel sind später hinzugekommen, die die Schwere des dunklen Daches auflockern und gleichsam das Schloß leichter gegen den Himmel aufstreben lassen. Aber man kann sich das Schloß wohl gut in die graue Schradenvergangenheit zurückdenken, wenn in Novembernächten die Nordstürme in den alten Kastanien zausen, wenn der Regen auf das Dach rauscht und um das feuchte Dunkel der Gräben Schatten aus Nordlands-Balladen ziehn: »Der Sturmwind brauste im Kamin, die Hunde heulten laut am Tor …«
Freundlicher, gleichsam sommerlich auch unter Aprilwolken liegt das Wasserschloß Lindenau in der Pulsnitzaue. Von Kmehlen geht man auf lichten Wegen nur ein halbes Stündchen bis dahin, aber Schloß und Dorf Lindenau zählen schon zur Lausitz, weil sie jenseits des Flusses liegen. Diese Landschaft hat einen eigenartigen, frohstimmenden Reiz. Unter lichten Birken und breitästigen Eichen fließt die Pulsnitz heran. Zwischen hochbogigen Bäumen sieht man hinaus auf den weiten Schraden, auf die Vorpostenkette der Dörfer am Hügelhang. Linker Hand liegt ein lockerer Auwald. Muskulöse Eichen, riesenstarke Erlen, weißstämmige Birken mit dem feinsten Zweigregen um sich, tausend weiße Anemonen blühen zu ihren Füßen, Linden mit der feinen Kuppelarchitektur ihrer noch kahlen, eben erst sprossenden Äste, saftige Wiesen darunter, und Wasserläufe von allen Seiten – wie ein alter englischer Park liegt das da. Und dann wird es wirklich ein Park. Rhododendronbüsche breiten sich unter Bäumen aus, Edelkoniferen treten zu schönen Gruppierungen zusammen. Es ist kein Zaun da, der den Schloßpark abschließt – ein Graben mit samtbraunem Wasser ersetzt ihn. Und dann steht ein heiteres Schloß mitten drin, ein Schloß mit Renaissancegiebeln rechts und links und einem schlanken Turm in der Mitte. Gegenüber, in der Reihe der Wirtschaftsgebäude, steht ein Torhaus mit einem Türmchen. Und geht man durch das weitgewölbte Tor, so steht dahinter eine weiße, ländliche Kirche, und an einer geraden Straße mit hohen Bäumen reiht sich das Dorf auf. Parkweg und Wassergraben zwischen Schloß und Torhaus überspreiten uralte Linden mit ihrem Gezweig. Kastanien sprossen da und dort, Lärchen streben auf, von den grünen Funken der aufbrechenden Knospen umschwärmt, und hinter Gezweig und Gezweig steht das Schloß, der schlanke Turm vor der Baumfülle des Parks, von stillen Wässern umzogen, vom Bogen des Tores eingerahmt. Man ahnt, wie sonnig und schattig, wie licht und kühl an blühenden Junitagen das alles sein wird.
Das ist Lindenau, Linden-Au an der Pulsnitz.