Aber eines Tages fand ich in den Kursächsischen Streifzügen von Otto Eduard Schmidt die Schilderung einer Fahrt um die Meißnisch-Lausitzische Nordostgrenze. Und während ich las, trat jener blaue Grenzwall wieder deutlich vor mich hin. Und aus der Begrenztheit dreier Großenhainer Jahre rückte ihn das Buch in den weitgespannten Rahmen der Kulturgeschichte.

Denn: dieser Hügelzug, der aus der Röderniederung südlich von Elsterwerda allmählich ansteigt und in einer ungefähr zwanzig Kilometer langen Schlangenlinie nach Osten streicht, um sich in der Gegend von Ortrand im Lausitzer Wald- und Hügelland fast unauffällig zu verlieren, war in der Zeit der germanischen Eroberung tatsächlich ein Grenzwall, der zwei Welten trennte. Diesseits, südlich der Hügelmauer, lag das von fränkischen und thüringischen Kolonisten durchsetzte meißnische Land, jenseits dämmerten die slawischen Gaue der Niederlausitz.

Es war kein Zufall, daß die Deutschen nur bis zu jenen Hügeln und nicht weiter vordrangen, denn hinter diesem Wall bildete ein unzugänglicher Urwald ein natürliches Hindernis. Im Norden begrenzte ihn ein zweiter Hügelzug. Dazwischen fließen heute die Pulsnitz und die Schwarze Elster in einem sauberen, nahezu gradlinigen Spitzwinkel aufeinander zu, um sich bei Elsterwerda zu vereinigen. Damals aber versumpften sie im Urwald zwischen der nördlichen und südlichen Hügelkette. Berge, Urwald und Sumpf bildeten die natürliche, schützende Grenze, eine viele Stunden lange und mehrere Stunden breite Flächengrenze, wie sie damals die Deutschen liebten. Sie hatte schon die Semnonen und Hermunduren, die Lusizi und Dalaminzier voneinander geschieden. Sie schied nun die Mark Meißen von der slawischen Niederlausitz. Sie scheidet seit der Abtrennung der Provinz Sachsen sächsisches und preußisches Gebiet. Die fränkischen Kolonisten erstiegen gerade noch den Wall und schoben an seinem Nordhange entlang eine Reihe von Siedlungen gegen den Urwald vor, die alle heute noch daliegen: Wainsdorf, Merzdorf, Seiffertsmühl, Groeden, das schon die Dalaminzier als Deckung gegen die Liusitzen angelegt hatten, Hirschfeld, Großthiemig, Frauwalde, Großkmehlen (Kmehlen bedeutet Hopfendorf), Burkersdorf und Ortrand. Vermutlich waren diese Siedlungen durch Verhaue untereinander verbunden; sie bildeten eine Grenzwacht auf vorgeschobenem Posten.

Unter den Dörfern erstreckte sich der düstere, sumpfige Urwald. Und »wenn sich nun im Herbste die weißen Nebelschleier aus dem Sumpfwald hoben und das Brüllen des Elchs und des Auerochsen aus der Tiefe herauftönte, da fürchteten sich nicht nur die Ahnfrau und die Kinder, sondern auch den Männern war es wie eine tröstende Verheißung der Nähe des Christengottes, wenn der Sakristan in der Dämmerstunde das Glöcklein läutete. Sie nannten den unheimlichen Wald, den sie vor sich sahen, den Schraden, das heißt den Wald der bösen Geister (althochdeutsch: scrato = böser Geist, neuhochdeutsch: Schratt.)«


Diese Kunde gab mir Schmidts Buch.

Noch heute heißt jenes Gebiet zwischen den beiden Hügelketten der Schraden, und der Volksmund spricht von den Schradendörfern. Der Schradenwald ist längst verschwunden, das Oberbuschhäuser Forstrevier, das einen kleinen Teil der Ebene bedeckt, hat mit seinen schnurgeraden Gestellen gar keine Ähnlichkeit mit einem Urwald. Wo einst Elch und Auerochs durch unwirtliche Wildnis brachen, breiten sich heute künstlich entwässerte Wiesen und Felder. Aber immer noch hebt sich der Schraden schon auf der Karte als eine andere Welt von seiner Umgebung ab. Neben der dichter besiedelten Großenhainer Pflege und von ihr durch das dunkle Gestrichel der Hügel getrennt, liegt er als große leere Fläche ohne Dörfer, durchsetzt von dem feinen Raster, der auf der Karte sumpfige Wiesen kennzeichnet, durchzogen von geradlinigen Straßen und Wassergräben und den beiden feingezackten Bändern der Pulsnitz und der Schwarzen Elster. Vor allem diese beiden Flußkanäle geben dem Schraden das besondere Gepräge.

Und man beschließt: da liegt eine andre Welt und da mußt du einmal hin.


Das stand als Vorhaben lange fest. Und nun, auf einer Osterwanderung von Radeburg nach Großenhain am Zickzacklauf der Röder entlang kam wieder dieser blaue Hügelwall in Sicht und lockte.