In der Zeit der schweren Not
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war. Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken, wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig, dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne, Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies. Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?«
Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den hohen Kiefernwipfeln über uns!
»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden, daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen. Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder. ›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu ruhen, liebwerter Herr Vetter.«
Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt, kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.
Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’ mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens. Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch »Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken, denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat.
Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht, getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel, dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd. Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein. Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren. Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –
Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk, höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide, Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier, und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd, so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen. Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt, und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt, der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein schönstes und bleibendstes Mal!
Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen, auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter – einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer – gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen, drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben, wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb, denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!