Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!

Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht

Von A. Klengel

Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart

Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.

Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken« denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren, um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren Heimat zu beschließen. So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe. Und wer Goethe gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk wieder.

Abb. 1 Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der Fährinsel bei Hiddensee

Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.