Abb. 2 Die Verlandung durch die Pflanzenwelt (Ein Teil des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)

Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite, dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres! Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen. Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.

Abb. 3 Die Dünenbildung des Windes (bei Neuendorf)

Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte:

Wo wollt’ ich ruhen,

Wo sollt’ ich lieben,

Wo könnt’ ich sterben

Denn nur auf dir!

Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige, schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.