Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose. Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst, die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes, dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum Hiddensees verdankt.

Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen, eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die zerstörenden Stürme ab.

Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich, wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre 1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet. Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an, daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.

Abb. 4 Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung

Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen, ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes. Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648 unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August 1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso »Grille« und Strandbatterien anderseits.

Abb. 5 Lachmöwe am Nest

Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum Besitze der Stadt Stralsund.