Abb. 6 Austernfischer am Nest

Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen, die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen – fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man, daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört. In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern.

Abb. 7 Fluß-Seeschwalbe

Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne »John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe zählenden Fährinselbevölkerung.

Abb. 8 Halsbandregenpfeifer am Nest

Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt. Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar, grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen Inselbevölkerung!

Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt, von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung entlehnt.