Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher, Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen, leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch vollständig verarmt!
Fußnoten:
[2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923, S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen sind«.
Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet
Von Paul Bernhardt
Mit Aufnahmen des Verfassers
Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen seine Spuren.
Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land. Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen Brutpaare kehren zuerst zurück.
Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat; sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März 1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im 45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus, stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.