Mit Aufnahmen von Alfred Hermann Nitsche, Dresden und Karl Reymann, Freiberg

»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst, wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.

Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen. Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein.

Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder auf den Namen Altenzella stoßen.

Abb. 1 Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf

Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau, für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen Mantel hüllt.

Abb. 2 Mundloch einer Grabenrösche

Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807 ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal und hinaus in die Gefilde der Heimat.