Abb. 3 Grabentour (Waldwiese an der Bobritzsch)

Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen Naturdenkmal gemacht.

Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den Burggraben mit der Außenwelt verbunden.

Abb. 4 Grabentour (an der Bobritzsch)

Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit.

Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist daraus entstanden.

Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen Betrachtungen und ernster Forscherarbeit.

In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude! Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche des Rothschönberger Stollens und zugleich am Ausflusse, also am Ende des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres darüber erfährt.