Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte, ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau überlebt.

Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse, je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.

Abb. 5 Schloß und Kirche Reinsberg

Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.

Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern. Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe leitet.

Die Kosten des Stollens in Höhe von siebenmillionen­hundertsechsundachtzigtausend­sechshundertsiebenundneunzig Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren belehrt werden.

Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche) Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine dreitausend­fünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, den Graben an der Grabentour, zugeführt. Die Wasserführung ist auf eintausend­sechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt. Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal großzügigen Bergbauunternehmens.

Abb. 6 Schloß Reinsberg