Abb. 7 Schloß Bieberstein

Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte. Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht realistische Weise der Nährboden geraubt.

Abb. 8 Kirche zu Bieberstein

Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über »Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour hervorgegangen sind.

Sächsische »Schweiz«?

Von Dr. Kurt Schumann

Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten sächsischen Gebirges entbrannt. Dr. Kuhfahl, der bekannte Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung: »Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort »Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt Dr. Kuhfahl an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen.

Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer, Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen, daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie in Heidelberg, A. Hettner, war, der mit seinem klassischen Werk über den Gebirgsbau und die Oberflächengestaltung der Sächsischen Schweiz das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte. Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz. Jedoch hat sich dieser so allgemein eingebürgert, daß ihn heute auch die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet worden ist.«