Von Hans Hänig (Wurzen)
Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?
Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.
Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen, durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles, was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder. Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in Deutschland.
Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet: wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der Natur ahnen läßt.
Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere. Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.
Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde?
Abb. 1 Kirche zu Crottendorf
Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle, die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große, feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten. Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das Schwarzwasser zu verfolgen.