Abb. 2 Inneres der Kirche zu Crottendorf

Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat.

Anmerkung

Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar, der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und 1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor hergestellt.

Kurt Arnold Findeisen

Von Otto Eduard Schmidt

Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen, Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war, die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung »durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe, der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische. Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen »Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland) herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im »Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der musikalische Wohllaut der Sprache:

O ihr Berge meiner Väter,

Träumerisch und tannengrün,