Dran die braunen Hütten kleben
Und die Abendlichter blühn!
O ihr Hänge meiner Heimat!
Tief in Holz und Heidekraut
Hat bei euch sich meine Seele
Ach, ein kleines Nest gebaut.
Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade »Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der »Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht.
Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta), vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene »sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen, seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte, und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.
Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig, das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«, den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co., Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt:
Du führst die Reihe der Lebendigen