Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges, in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete. Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.
Auf der Schwelle des Erzgebirges
Von Dr. Kurt Schumann
Mit Bildern nach Aufnahmen von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage, meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge, dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«
Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen, als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit der Windbergbahn gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des Ratssteinbruchs lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes und tritt in das weite Döhlener Becken ein, das die Weißeritz durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen, die im Zeitalter des Rotliegenden hier abgelagert worden waren, geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält. Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen.
Abb. 1 Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf