Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden wurzelnden Poisenwald umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.

Abb. 2 Die Possendorfer Windmühle

Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in Possendorf begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen. Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb macht auch das Quellreihendorf Börnchen, das nach fünf Minuten vor uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt, weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des Lerchenbergs krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe, Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten, große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat, beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz der Sandsteinscholle, aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. Groß-Ölsa, das wir zunächst berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört. Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht, kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an, wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen, sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare findet, hoffentlich der Vergangenheit an.

Abb. 3 Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide

Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, die Dippoldiswalder Heide. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine: »Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag zuläßt.

Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802, bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß während seiner Regierung fünfzehntausend­zweihundertachtundzwanzig Hirsche, neunundzwanzigtausend­einhundertsechsundzwanzig Wildschweine, zweihundertvier Bären, eintausend­fünfhundertdreiundvierzig Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen, achtzehntausend­neunhundertsiebenundfünfzig Füchse und dreitausend­fünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch widerfahren ist.

Abb. 4 Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde