Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung, Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände vergebens abgeleckt und kein Alaun gefunden.
Abb. 5 Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite
Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt. Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein, das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz den Zugang zur Quohrener Kipse. Wir begnügen uns heute mit einem Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt. Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge. Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die zahlreichen Brunnen bei Hermsdorf beweisen. Name und Form des Dorfes zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben, und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern.
Abb. 6 Die »Malermühle« bei Goppeln
Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der Wilisch besteht wie so viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung (Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg, Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr ausrichten.
In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert, dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!