Die Orgel füllt das kleine, runde Schiff mit feierlichem Brausen. Die Gemeinde singt. Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart ...
Die angeleuchteten Kindergesichter füllen das Schiff und die Emporen wie eine zarte Wolke. Sie sehen wie singende, schwebende sixtinische Engelsköpfe aus, und manch eine helle Mädelhaarschleife wird zum leichten Flügelpaar. Der Atem der Singenden geht über die vielen Lichter hin, die Flammen wehen und neigen sich dem Altar zu wie leuchtende Blumen einer himmlischen Wiese. Aus dem Leuchten schwebt das Lied über die dunklen Wogen der Orgel hin: Das Blümlein, das ich meine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis ...
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Das Dorf liegt still und weiß zu Füßen der singenden Kirche. Die beschneiten Dächer verschwinden im Schneelicht der sternenklaren Nacht. Man sieht nur die schwarzen Schindelgiebel mit den eingeschnittenen gelben Fenstern wie Zelte im Schnee stehen. Darüber schwebt der Laternenkranz der unsichtbaren Kirche wie ein magisches Zeichen des Friedens in der blauen Nacht. In mancher der Stuben hinter weißen Rollvorhängen duften um diese Stunde die neun Gerichte, das bedeutungsvolle »Neunerlei« des Heiligen Abends, Hagebuttensuppe, Kartoffelsalat, Würstchen mit Sauerkraut, Gänsebraten und andere Gerichte in überlieferter Folge in Töpfen und Pfannen, die das ganze Jahr über nicht einmal so reich beschickt in den Ofen geschoben werden wie zu Weihnachten. Das winterliche Fest ist die hohe Zeit dieser Dörfer, in denen der Weihnachtsmann der Kinder seine rastlos arbeitenden und nur zu Weihnachten einmal tagelang ruhenden Werkstätten hat.
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Das Dorf liegt hinter uns. Wir stapfen durch tiefen Schnee aufwärts. Von der Höhe kommt uns ein Schlitten entgegen. Von weitem sieht man nur ein wandelndes Licht. Dann, als der Schlitten nahe ist, wächst das Pferd schattenhaft und groß vor der Laterne auf. Unter den Hufen stiebt der beleuchtete Schnee wie ein gelber wallender Teppich.
Knirschend und klingelnd zieht der Schlitten im Schritt an uns vorüber. Aus Ferne und Dunkel weht noch ein Weilchen das gedämpfte Klingeln der Schellen über die weichen Betten des nächtlichen Schnees, klingt noch einmal wie ein Klang der silbernen Sterne und verstummt.
Das Tal unter uns schwebt in weißem Scheine. Wald zieht wie blasser Wolkenrauch drüben hoch. Jenseits schimmern die verstreuten Lichter von Oberseiffenbach, flimmernde gelbe Sternchen im Schnee unter den funkelnden Silbersternen der kalten, klaren Winternacht.
Eine alleinstehende Hütte schiebt sich vor uns hinter einer Schneewehe auf. Das verschneite Dach liegt wie eine weiche Decke über dem schwarzen Giebel. Eine hohe, kahle Lärche steht am verschneiten Zaun. Das feine Gezweig ist wie nur geträumt an den nachtblauen Himmel gezeichnet. Genau über dem Dache, tief am sonst sternelosen Horizont, leuchtet der Abendstern, in der klaren Luft unwahrscheinlich vergrößert und mit kristallischen Strahlen blitzend.
Aus den kleinen Fenstern fällt gelber Schein in den Schnee. Er zeichnet den Schatten des Zaunes auf das weiße Feld. In der Stube, von großen Schatten umhangen, sitzen Menschen um den Tisch. Der Kopf des Mannes verdeckt die Lampe. Man sieht nicht, daß die Menschen miteinander sprechen. Sie sitzen auch nicht beim Mahle. Schweigend umgeben sie das Leuchtende in ihrer Mitte, das ihre Gesichter hell macht und das Haar um den Kopf des Mannes in einen Schein verwandelt. Unwillkürlich sieht man nach dem blitzenden Abendstern, der wie ein strengerer Stern von Bethlehem über dem weißen Dache steht – um diese armen Hütten in Schnee und Nacht und weißer Einsamkeit ist es immer, als könnte sich zu dieser Stunde ein Weihnachtsmärchen in ihnen begeben, als müßte man leise über den lautlosen Schnee von dannen gehen.