Zur Geschichte der Starmeste

Von Martin Braeß

Könnte man unter unsern Staren so eine Art Volkszählung vornehmen, so würde sich herausstellen, daß die meisten durch die runde Öffnung einer Starmeste oder sonst einer künstlichen Bruthöhle das Licht der Welt erblickt haben. Wie kein andrer Vogel hat es ja gerade der Star verstanden, dem Winke des Vogelfreundes zu folgen, der ihm im Gipfel höherer Bäume, an der Giebelwand des Hauses, selbst auf schwankender Stange im baumlosen Kraut- und Gemüsegarten die bekannten Brutkästen aufhängt. Sie sind in den meisten Gegenden Deutschlands, zum Teil auch in den angrenzenden Ländern, ein solch alltäglicher Anblick, daß wir uns kaum vorstellen können, wie man vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch gar nicht daran dachte, Freund Star auf diese Weise an Hof und Garten zu fesseln.

»Vergraben ist in ewige Nacht der Erfinder großer Name zu oft.« Das gilt auch von dem Erbauer der ersten Starmeste. Im Altertum oder Mittelalter wird er kaum gelebt haben; denn damals übte man Vogelschutz in unserm heutigen Sinne so gut wie nicht, und der alte Geßner († 1565) erwähnt in seinem »Vogelbuch« auch nichts davon. Die erste Bemerkung über Starmesten habe ich bei Lehmann »Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge«, Leipzig 1699, gefunden, wo von den Staren erzählt wird, daß sie »in hohlen Stöcken und Eichenen Büschlein, anderswo in Häuslein auf den Bäumen« brüten. Weiter berichtet J. Th. Klein in seiner »Historie der Vögel«, Danzig 1760, wie man in Ostfriesland an den »Kaminen« Verschläge für die Stare einrichtet, und Vater Bechstein erwähnt in seiner »Naturgeschichte der Stubenvögel«, Gotha 1795, daß die Landleute hölzerne Kästen oder auch tönerne Gefäße den Staren an Bäume, unter Dächer und in Taubenschläge hängen. Mit Vogelschutz hatte das aber nichts zu tun; im Gegenteil, man behandelte, wie Naumann in der »Naturgeschichte der Vögel Deutschlands«, Leipzig 1822, angibt, die Stare wie die Tauben; man nahm ihnen die Jungen, wenn sie flügge waren, und verzehrte sie. Im Vogtlande war diese Unsitte noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts recht verbreitet. Auch die Starenkästen, die nach Marshall die Bewohner in Astrachans Umgebung gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts aufhängten, ebenso die buntbemalten Nistkästen, die Floericke in Transkaspien und Turkestan auf hohen Stangen antraf, werden nur dazu gedient haben, die Jungvögel dem Kochtopf oder der Bratpfanne auszuliefern.

Vielleicht war der erste, der mehr aus idealen Gründen Nisthöhlen aufhing, d. h. um Staren und andern Höhlenbrütern Wohnungen in unsern Gemüse- und Obstgärten zu bereiten, Pfarrer Hofinger. Wenigstens empfahl ein von ihm im Jahre 1824 veröffentlichter Aufsatz allen Garten- und Obstplantagebesitzern, in ihrem eigenen Interesse Stare und andre Kleinvögel durch Aushängen von Nisthöhlen – er nennt sie »Köbel« – in die Gärten zu locken, wo sie Beete und Obstbäume von dem lästigen Ungeziefer befreien. Dieser Hinweis des Vogelfreundes fand allgemeine Aufmerksamkeit, so daß sich Hofinger veranlaßt sah, noch genaue Vorschriften zu geben. Auch K. Hennicke kann in seinem »Handbuch des Vogelschutzes« niemand nennen, der schon vorher – wohlverstanden aus vogelfreundlichen Gründen – durch Aushängen von Nisthöhlen den Vögeln entgegengekommen wäre, und so dürften die Starenkästen, die im kommenden Frühjahr unsre lieben Freunde wieder aufnehmen werden, genau auf eine hundertjährige Geschichte blicken. Wüßten’s die Stare, die es doch am meisten angeht, sie würden in diesem Lenz bei ihrer Rückkehr gewiß in noch ausgelassenerer Weise jubeln, pfeifen und schnalzen, um das Jubiläum würdig zu feiern.

Im Laufe der Zeit hat die Starmeste in ihrer äußeren Erscheinung mancherlei Veränderungen erfahren. Bei Hofinger war sie ein ausgehöhltes Aststück mit einem Stöpsel verschlossen und mit Armen versehen, um sie mittels Weidenruten am Baumstamm befestigen zu können. Gloger, der auf diesem Gebiet eifrig tätig war, baute recht künstliche sechseckige Kasten, deren Innenraum er durch eine Querwand teilte, daß Katzen und andere Räuber nicht in den unteren, den eigentlichen Brutraum greifen konnten. Mit wasserdichter Ölfarbe überzog er die ganze Behausung, auch mit Flechten und Moos, oder er benagelte die Wände mit Baumrinde. Auch H. O. Lenz trat warm für den Star ein. In seiner »Gemeinnützigen Naturgeschichte«, Gotha 1834 bis 1839, empfiehlt er sogar Massenquartiere für seine Freunde, die durchaus an die Taubenschläge erinnern. Die größten Verdienste auf diesem Gebiet erwarb sich dann mein väterlicher Freund, Hofrat K. Th. Liebe, dessen Broschüre »Winke betreffend das Aufhängen von Nistkästen für Vögel« aus dem Jahre 1883 die größte Verbreitung und Beachtung fand. Er ahmte durch ausgehöhlte Baumstücke mit aufgeschraubtem Boden und Dach die natürlichen Brutstätten möglichst nach, ließ aber, wenigstens für Stare, auch die aus Brettern zusammengefügten Nistkästen gelten. Schon vorher, im Jahre 1878, konnte er berichten, daß sich die Stare überall in Thüringen, dem klassischen Lande der deutschen Vogelkunde und des Vogelschutzes, außerordentlich vermehrt haben; ihre Zahl sei während der letzten fünfzig Jahre mindestens auf das Vierfache gestiegen. Liebes Fürsorge galt aber keineswegs nur den Staren, sondern ebenso den Fliegenschnäppern, Rotschwänzchen, Meisen, Kleibern, Mauerseglern, dem Wendehals, Zaunkönig, der Bachstelze, auch den Hohltauben, Käuzen, Turmfalken u. a.

Mit unermüdlichem Eifer hat sich dann Freiherr v. Berlepsch der Nisthöhlenfrage angenommen und sie restlos gelöst, so daß eine weitere Verbesserung ausgeschlossen erscheint. Seine Veröffentlichung in der »Ornithologischen Monatsschrift« 1896 über »Die Schaffung künstlicher Nistgelegenheiten für Vögel« bildete in der Tat, wie Hennicke schreibt, »den Beginn einer neuen Ära in der Fabrikation von Nisthöhlen«. Die Spechthöhlen dienten als Vorbild. Ihre Tiefe und Form des Innenraums, die Stärke der Wandung, die Größe des Fluglochs, der Zugang von diesem zur eigentlichen Höhle: all diese Einzelheiten ahmen die Berlepschschen Nisthöhlen aufs genaueste nach. Auch dem Deckelverschluß, der Aufhängeleiste, jedem Schraubennagel, kurz jeder scheinbaren Kleinigkeit wandte Freiherr v. Berlepsch seine Aufmerksamkeit zu und probierte in seiner Versuchsstation Seebach alles sorgfältigst aus.

Gewiß, es gibt auch noch andre künstliche Nisthöhlen, z. B. die Schlüterschen Nisturnen aus Ton, die sich gleichfalls mancherorts gut bewährt haben; indessen »wenn ich ein Vöglein wär’«, ich würde jedenfalls eine Berlepschsche Nisthöhle vorziehen, und so wünsche ich meinen nun bald wieder zurückkehrenden Freunden, daß sie eine solche Wohnung finden. Wer aber der Wohnungsnot, unter der nicht nur wir Menschen, sondern auch die gefiederten Höhlenbrüter arg leiden, wirksam abhelfen will, dem empfehle ich das Büchlein des Freiherrn v. Berlepsch: »Der gesamte Vogelschutz« oder auch Hiesemann: »Lösung der Vogelschutzfrage nach Freiherrn v. Berlepsch«.

Ein Heimatschützer im fernen Osten

Am 19. Februar dieses Jahres beging Emil Sigerus in Hermannstadt seinen siebzigsten Geburtstag. Er ist ein Sohn des siebenbürgischen Sachsenvolks, das wie kein andrer deutscher Stamm dem Mutterlande mehr als acht Jahrhunderte hindurch unter den schwierigsten Verhältnissen die Treue bewahrt hat, ein kleines Häuflein, umbrandet von den Fluten andrer Völker. Die Kraft zu solchem Ausharren haben die Siebenbürger Sachsen aus dem Mutterboden gesogen, mit dem sie stets in geistiger Verbindung geblieben sind; der unerschütterliche Wille, deutsch zu bleiben, hat ihre Führer zu allen Zeiten beseelt.