Abb. 4 Bautzen
Den Beweis für diese Behauptung bringt das Bild 4. Wir erkennen auf den ersten Blick die Form der alten Stadt Bautzen. Genügend breite Märkte sind vorhanden. Bei der Straßenaufteilung ist zwischen Wohn- und Verkehrsstraßen unterschieden, das heißt es gibt schmale Straßen, die nur den Zweck haben, den Weg zu den Anliegern zu vermitteln, und breite Straßen, durch die der Verkehr geleitet wird. Wenn wir von oben aus luftiger Höhe in die verschiedenen Häuserblocks hineinschauen, dann finden wir, daß es manchen stillen, heimlichen Winkel gibt, der im Frühjahr und Sommer blüht und grünt, manchen Winkel, in dem man sich ungestört von den Lasten und Mühen des Berufs erholen kann, ohne daß an einem der Verkehr vorbeibraust, wie es auf den Schmuckplätzen der modernen Großstädte üblich ist, die außer staubigen Bänken nur einen Zeitungskiosk und eine Bedürfnisanstalt aufzuweisen haben.
Der Unterschied zwischen alter und neuer Bauerei ist auch auf diesem Bild deutlich zu erkennen: Die alte Stadt paßt sich natürlich dem Lauf der Spree an, ihre Form wird unter geschickter Ausnutzung des Geländes zwar uneinheitlich, aber ansprechend – im Gegensatz zur neuen Stadt, die (rechts oben im Bild deutlich erkennbar) genau so lieblos mit dem Lineal konstruiert ist, wie wir es bei Zwickau gesehen haben.
Abb. 5 Leipzig (Hauptbahnhof)
Daß aber auch in der modernen Zeit schön gebaut werden kann, daß auch die moderne Zeit den Anforderungen gewachsen ist, die die Entwicklung des Verkehrs stellt, ist aus dem nächsten Bild (Bild 5) erkennbar. Wir sehen vor uns den Hauptbahnhof von Leipzig – den größten Bahnhof Europas. Sechs große Bahnhofshallen nehmen den aus allen Himmelsrichtungen zu diesem Zentralpunkt zusammengeleiteten Verkehr auf, eine mächtige Querhalle verbindet diese sechs Hallen, von dieser Querhalle aus wird dann der auf sechsundzwanzig Bahngleisen in die Großstadt hereinbrausende Nah- und Fernverkehr aufgesogen und verteilt. Ein Blick auf die wohlgeordnete – den Laien auf den ersten Blick vielleicht verwirrende – Gleisanlage zeigt die gesamten eisenbahntechnischen Anlagen deutlicher und übersichtlicher als man das alles übersehen kann, wenn man im Zuge schnell an alledem vorüberflitzt. Auch vor dem Bahnhof herrscht lebhafter Verkehr – wir erkennen das an den zahlreichen Straßenbahnen, Autos, Droschken und – sogar einzelnen Menschen.
Abb. 6 Chemnitz (Kohlenbahnhof)
Und schließlich noch ein modernes Bild: der Kohlenbahnhof und die Eisenbahnwerkstätten von Chemnitz. Diese Anlage stellt einen Höhepunkt unsrer technischen Entwicklung dar – allerdings ist der Rückgang, der sich auf allen Gebieten nach dem verlorenen Krieg und dem Friedensvertrag von Versailles zeigt, auch hier zu spüren: in frühren Zeiten war auf diesem Bahnhof wesentlich mehr rollendes Material abgestellt als heute. Das Ganze macht einen wohldurchdachten Eindruck, vom Standpunkt des Technikers kann man die ganze Anlage schön und formvollendet nennen. Wir merken in unserm Flugzeug nichts von Staub und Rauch, der unten auf der Erde die Menschen belästigt, wir urteilen also frei und unbefangen und schließen uns der Ansicht des Technikers an. Die Bahnhöfe unsrer Heimat haben auch ihre guten Seiten, wenn es auch nicht immer gleich auf den ersten Blick zu spüren ist!
Der mir zur Verfügung stehende geringe Raum zwingt mich, meine Arbeit mit dieser Auswahl von sechs Luftbildern abzubrechen. Ich hoffe, mit diesen Bildern einige Anregungen gegeben zu haben, die gelegentlich einmal ergänzt werden können. Gerade weil uns diese Luftbilder eine Fülle von Gedanken zu geben vermögen, sind sie als Unterrichtsmittel für alle Bestrebungen zu verwenden, die sich damit befassen, die Liebe zu unsrer Heimat zu erwecken und zu pflegen.