Drunten im Tal hebt das Feierabendglöcklein an zu klingen. Über den Waldkämmen des Haselrainer Platzerberges und des Bobenneukirchner Pfaffenberges liegt mattgolden der Schimmer des scheidenden Tages.

Und drüben auf meinem Wacholderhübel schluchzt liebesselig eine Amsel ihr Abendlied.

Von meinen Besuchen bei den höchsten Herrschaften von Dresden[2]

Von Bernhard Hoffmann

Die freundlichen Leser und vielleicht mehr noch die Leserinnen dieser Zeilen werden von vornherein gespannt sein zu erfahren, wer die »höchsten Herrschaften« von Dresden sind und wo sie wohnen. Es sind nicht etwa die »höchsten Herrschaften« im alten Sinne, denn die gibt es auf Grund des allerhöchsten Volkswillens heute nicht mehr. Auch diejenigen, welche jetzt die höchsten Stellen bekleiden, sind nicht gemeint. Man könnte ferner an den Kreuztürmer und seine Familie denken, aber man ist da ebenfalls auf dem Holzwege. Vielmehr handelt es sich um ein Ehepaar, das von auswärts, und zwar wahrscheinlich von sehr weit her – möglicherweise gar aus dem Auslande – zugezogen ist und sich inmitten der Altstadt niedergelassen hat, ohne erst beim Wohnungsamt um Zuweisung der entsprechenden Räumlichkeiten nachzusuchen. Das soll ja auch sonst manchmal vorkommen. Aber das Unerhörteste dabei ist, daß sich das betreffende Ehepaar dem Wohnungsamt auf – oder besser über die Nase gesetzt hat, so daß es sich tagaus tagein in geradezu herausfordernder Weise den Herren des Wohnungsamtes vorstellt und »von oben herab« auf sie niederblickt. Dabei genießt das Paar die herrlichste, schönste Fernsicht; es ist dem Lärm, Staub und Ruß der Stadt entrückt, badet sich alltäglich im klarsten Sonnenschein oder im reinsten Regenwasser, und für alles das zahlt es weder Steuern noch Abgaben! Ja, das Ehepaar hat sich sogar bald nach seiner Ankunft eine Wochenstube eingerichtet, in der nach der üblichen Zeit – es ist kaum zu glauben – Fünflinge zur Welt gekommen sind. Doch da habe ich schon recht vertrauliche Dinge berührt. Deshalb ist es wohl an der Zeit, daß ich Namen und Wohnung der höchsten Herrschaften verrate. Es handelt sich um ein Ehepaar namens Turmfalk, welches in der Höhe des neunten Stockwerks vom Rathausturm – d. h. etwas über fünfzig Meter vom Erdboden entfernt – eine, wenn auch bescheidene Wohnung bezogen hat, wobei es dem Kreuztürmer tatsächlich noch um ein beträchtliches Stück »über« ist. Schon Anfang März stellte ich Turmfalkens Ankunft fest. Obgleich ich sonst höheren und höchsten Herrschaften gegenüber immer eine gewisse Zurückhaltung gewahrt habe, verlangte ich diesmal doch nach einer näheren Bekanntschaft, natürlich nicht eher, als bis ich annehmen konnte, daß das Paar hier seßhaft geworden war. Das dauerte allerdings ziemlich lange, so daß ich erst Anfang Mai einen Besuch wagte. Zunächst galt es, die Wohnung von Turmfalkens aufzufinden, da eine polizeiliche Meldung bisher nicht erfolgt war. Ich vermutete die Wohnung schließlich in einer, meinen Blicken leider nur äußerst wenig zugänglichen Vertiefung zwischen den Unterbauten eines mächtigen Säulenpaares an der Wetterseite des Turms. Und richtig! Als ich mich zwischen einer Brüstung und der Turmmauer etwas emporgearbeitet hatte und den Kopf ein wenig hinter die eine Säule zu schieben suchte, strich Frau Turmfalk, die ich sofort an dem Fehlen des Aschgrau in der Farbe ihres Kleides erkannte, höchst ungehalten ab. Ihrem Ärger gab sie durch verschiedene Scheltrufe unverhohlenen Ausdruck. Ich vernahm von h3 an stark hinaufgezogene wriiiiii und kurze, in der Höhenlage wechselnde kjig, kjig, oder kig usw. Im ganzen bewegten sich diese Rufe zwischen gis3 und e4. Wohl wagte Frau Turmfalk einmal, in ihr Heim zurückzukehren, aber eine geringe Bewegung meinerseits verscheuchte sie sofort wieder, so daß ich selbstverständlicherweise »nicht weiter stören« wollte und den Rückzug antrat. Nur über ihren Verbleib wollte ich vorher noch Gewißheit haben. Ich entdeckte sie schließlich mit dem Glase drüben auf dem Kreuzturm, hoch oben auf der stark gewölbten Steinkuppel, welche die metallne Turmspitze trägt. Hier saß sie nicht weit von ihrem Herrn Gemahl, den meine Aufdringlichkeit und die Erregung seiner Gattin völlig gleichgültig zu lassen schien. In seiner Nähe sah ich auf den Steinen zahllose weiße und grauweiße abwärts verlaufende Streifen; es waren die Kotüberreste des Turmfalkenpaares, das da drüben – naturalia non sunt turpia – seinen Abort angelegt hatte; er entbehrte sogar der Spüleinrichtung nicht, die allerdings nur bei Regengüssen in Tätigkeit trat. Der Abort war zwar von der eigentlichen Wohnung recht weit entfernt; aber einmal kommt das auch in den Behausungen der Menschen – besonders auf dem Lande – vor, und zweitens war diese Entfernung für Turmfalkens ja nur ein – Katzensprung!

Als ich am elften Mai meinen Besuch wiederholte, flog das Weibchen abermals sofort laut schreiend ab, diesmal weit über Friedrichstadt hinaus. Ich benutzte die Gelegenheit, die Wohnung von Turmfalkens soweit als möglich in Augenschein zu nehmen. Leider gelang mir das, da der Spalt zwischen Mauerwerk und Säule nur ungefähr elf Zentimeter breit war, sehr wenig. Doch konnte ich feststellen, daß die ganze Wohnung aus einem einzigen, langgestreckt-rechteckigen, vorn und oben offenen Raum zwischen den Sockeln des schon erwähnten Säulenpaares bestand; solch bescheidene Verhältnisse sind ja in Anbetracht der jetzigen allgemeinen Wohnungsnot leicht verständlich. Bei ihrer Rückkehr landete Frau Turmfalk an der bewußten Stelle des Kreuzturms in »seiner« Nähe. Sie hatte sich von draußen ein zweites Frühstück, wahrscheinlich eine Feldmaus, mitgebracht und verzehrte sie nun auf ihrem hohen Sitz, indem sie die Beute mit den Krallen festhielt und ab und zu ein Stück davon losriß. Der Raum zwischen den bewußten zwei Säulensockeln war demnach nur Wohn-, nicht aber auch Speisezimmer. Freilich allzustreng war die geschilderte Trennung nicht durchgeführt. In einer Ecke des »Wohnzimmers« bemerkte ich eine Anzahl vorwiegend grau gefärbter, länglich ovaler Gebilde von ungefähr zweieinhalb Zentimeter Länge und reichlich ein Zentimeter Breite, sogenannte »Gewölle«, die im Magen der Vögel aus unverdaulichen Teilen der aufgenommenen Nahrung gebildet und durch Speiseröhre und Schnabel wieder ausgespien worden waren. Bei näherer Untersuchung einiger Gewölle fand ich, daß sie zum größten Teil aus Mäusehaaren bestanden, deren Abstammung außerdem durch einen darin steckenden sehr kleinen Nagezahn erwiesen wurde. Doch ergab sich leider, daß auch sehr zarte und ein paar derbere Federchen, ja sogar unter anderem ein Unterschenkelknochen eines kleinen Singvogels in den Gewöllen enthalten waren, was meiner freundschaftlichen Gesinnung gegen Turmfalkens einen starken Stoß gab; sie »wilderten« gelegentlich, statt nur ihres Amtes als »Flurschützen« zu walten! Bald stellte sich eins von Turmfalkens in ihrem Heim wieder ein. Höchst vorsichtig schlich ich nochmals heran und hatte diesmal das Glück, den unteren Teil des Obergewandes in fast greifbarer Entfernung zu sehen, wobei ich bestätigt fand, daß ich auch diesmal Frau Turmfalk vor mir hatte. Alles andre blieb mir leider verborgen. Beim Fortgehen wollte mir deshalb keine volle Befriedigung kommen. Wenn zum Beispiel Frau Turmfalk schon die Wiege für ihre Kinder hergerichtet oder gar bereits für Zuwachs gesorgt hätte? Wie sollte ich das sicher feststellen? – Ich hätte ja wohl etwas weiter emporklettern können, um so einen tieferen Einblick in Turmfalkens Wohnung zu bekommen. Aber einmal war das bei der gewaltigen Höhe, in der die Wohnung lag, doch recht gefährlich, und dann hätte man meine Kletterei von unten aus bemerken und mich für einen, der Selbstmord begehen will, halten können, wozu ich aber nicht die geringste Lust verspürte, da das Leben jetzt so überaus schön ist, daß man nicht ohne weiteres von ihm Abschied nimmt. Es mußte demnach zu obigem Zweck eine ungefährlichere Methode ersonnen werden. Endlich war der Ausweg gefunden. Zu Hause wurde alles sorgfältig vorbereitet, und als ich am siebzehnten Mai zum dritten Male bei Turmfalkens antrat, schob ich einen, an einem schmalen Brettchen sicher befestigten Handspiegel, der um ein Scharnier drehbar und deshalb leicht verstellbar war, zwischen Mauerwerk und Säule hindurch und möglichst weit vor. Groß war jetzt meine Freude, denn Plan und Vorbereitungen erwiesen sich als vorzüglich. Ich erblickte sofort im Spiegel bei geeigneter Stellung desselben die Wiege fürs junge Volk und in ihr zunächst fünf verhältnismäßig große Eier!

Die Wiege bestand aus einem etwas lockeren, flachen Kranz von dünnen Zweigen und Ästchen, die mit der etwas erdigen Unterlage mehr oder weniger verschmolzen waren. Im Innern der Wiege fehlte aber ein wärmendes Federbett vollständig; hingegen bestand der flach muldenförmige Boden wiederum aus erdigen Teilen. Die Eier waren mehr rundlich, statt spitz eiförmig, ungefähr vier Zentimeter lang und drei Zentimeter breit. Sie zeigten eine hell rostbräunliche Färbung mit vielen dunklen Flecken, Schattierungen usw. Hochbeglückt von dem Gesehenen zog ich nach wenig Augenblicken den Spiegel zurück und verbarg mich etwas, um eine baldige Rückkehr von Frau Turmfalk zu ermöglichen. Andernfalls hätte der starke und verhältnismäßig kühle Wind die Eier leicht zu sehr erkalten und die Entwicklung des darin bereits vorhandenen Lebens unterbinden können. Zunächst freilich blieb Frau Turmfalk noch »drüben«, nicht weit von Herrn Turmfalk, der seine Kleidung mit dem Schnabel etwas in Ordnung brachte. Dabei sah ich, daß die schon erwähnten weißgrauen großen Flecken und Streifen auf der steinernen Wölbung in zwei Gruppen zerfielen. Es schien also dort ein Abort für Männer und einer für Frauen eingerichtet zu sein, was mir in den nächsten Augenblicken tatsächlich ad oculos demonstriert wurde. Bald danach kam Frau Turmfalk herüber. Während sie beim Abfliegen mit lautem kikikikikikekeke gescholten hatte, gab sie jetzt ihrer Befriedigung darüber, daß in ihrem Heim kein Einbruch oder Raub stattgefunden hatte, durch einzelne langgezogene und leisere kieg und kiej Ausdruck, so daß ich beruhigt in den Lärm und Strudel der Straßen zurückkehrte.

Da die Eier sicherlich erst nach dem 11. Mai gelegt worden waren und die Brutzeit der Turmfalken ungefähr vier Wochen dauert, war mit einer Veränderung der Lage vor dem 8. oder 9. Juni nicht zu rechnen. Nur auf Augenblicke weilte ich in der Zwischenzeit einmal auf dem Rathausturm, um nachzusehen, ob nicht irgendeine Störung bei Turmfalkens eingetreten war; ich fand aber alles in bester Ordnung. Sonach hätte ich vollauf zufrieden sein können; und doch bewegte mich schon wieder ein neuer Gedanke, ein neuer Wunsch! Wie herrlich wäre es, wenn ich trotz aller Schwierigkeiten von der Wochen- und Kinderstube Turmfalkens ein paar photographische Aufnahmen machen könnte!

Gedacht – getan! Am 8. Juni ging ich zum ersten Male mit meiner Kamera an die Arbeit. Beim Anschleichen konnte ich feststellen, daß Frau Turmfalk auf dem Neste stand und sich langsam im Kreise drehte, was jedenfalls eine Lagenveränderung der Eier zur Folge hatte. Nach Abflug der Alten verriet mir der Spiegel, daß sich sonst nichts besonderes ereignet hatte: Keines der Jungen war ausgeschlüpft. Trotzdem wollte ich schnell noch eine Aufnahme machen, aber mein Apparat war ein wenig zu groß., so daß ich ihn nicht durch die Spalte zwischen Säule und Mauer in eine geeignete Stellung bringen konnte. Ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß es vielleicht noch ein paar Tage dauern würde, ehe die Jungen auskämen.

Als ich am 11. Juni höchst erwartungsvoll zu Turmfalkens aufstieg, gab es zunächst einen starken Schreck und meine alte, wohlbegründete Vorstellung von Turmfalkens Verhalten gegenüber ihrer befiederten Mitwelt erhielt einen neuen Stoß. Auf der inneren Ecke des Sockels der zweiten Säule stand Frau Turmfalk und zerfleischte einen kleinen Vogel. Nur ein paar Augenblicke zögerte ich – dann trat ich näher, die Alte verscheuchend. Und nun sah ich auf der erwähnten Ecke die Reste von drei Vögeln liegen! Es waren nur noch die hintersten Rumpfteile und die Beine übrig. Konturfedern fehlten vollständig, so daß an ein Erkennen der Arten aus der Ferne nicht zu denken war. Ich gestehe, daß mir in diesem Augenblicke wenig daran gelegen war; dagegen trieb mich ein aufkommender Gedanke dazu, nachzusehen, was während meiner Abwesenheit vermutlich im Neste geschehen war; und richtig: Es waren zwei Junge ausgekommen, das zweite wahrscheinlich erst kurz vor meinem Eintreffen, da noch die Eischale im Neste lag, die gewöhnlich kurz nach dem Auskriechen der Jungen von den Alten vorsichtshalber aus dem Nest entfernt wird. Die beiden Jungen verlangten heftig, wenn auch mit recht schwacher und heiserer Stimme nach Nahrung, und das bot mir zugleich die Erklärung für die unerhörten Mordtaten der Eltern! Sie wurzelten in der Fürsorge der Alten um die Jungen, deren Hunger zu stillen, oder kurz, deren Erhaltung auch bei den Vögeln ein so starker Naturtrieb ist, daß sie selbst vor dem Schlimmsten nicht zurückschrecken. Ich erwog ferner, daß die so überaus ungünstige kalte und nasse Witterung unter den sonst in Überzahl auftretenden Feldmäusen sehr stark aufgeräumt hatte, daß der oft fette und hohe Stand der Wiesen und Felder die wenigen Feldmäuse ebenso barg wie die Käfer usw., die gleichfalls gern von Turmfalkens verspeist werden. Ja, ich dachte auch daran, daß es gerade jetzt einem Bruchteil des deutschen Volkes ähnlich erging wie Turmfalkens, indem er lediglich aus drückender Not Diebstähle oder vielleicht noch Schlimmeres begeht, um das eigene Leben und das der Kinder zu retten! – Nachdem ich mich auf diese Weise selbst etwas beruhigt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit den beiden neuen Ankömmlingen, natürlich mit Hilfe des Spiegels. Sie trugen zunächst nur ein schneeweißes Hemdchen, das aus sehr zarten Flaumfedern bestand, von denen die verhältnismäßig großen schwarzen Augen des einen Nestlings auffallend abstachen, während die des andern noch geschlossen waren. Hilflos lagen die Kleinen im Nest neben den übrigen drei Eiern, dazu tobte ein sehr kalter Sturmwind durch das offene »Kinderzimmer«, so daß ich die Rückkehr der fürsorglichen, schützenden und wärmenden Alten nicht länger verzögern wollte und eiligst wegging.