Zwei Tage später fiel mein erster Blick auf einen auf der bewußten Ecke liegenden, wiederum fast aufgezehrten Vogel; es war allem Anschein nach eine Lerche. Im Nest dagegen gewahrte ich einen dritten Nachkommen. Die zarten, fast tonlosen Stimmen klangen mir wie gjeg und gjej.
Am Sonnabend, dem 16. Juni, fand ich kein Beutetier vor, dafür aber lagen auf dem Boden von Turmfalkens Wohn- beziehungsweise Kinderzimmer zahlreiche Federn, von denen der Sturm mir einige zutrieb. Es waren die Schwanzfedern eines Grünfinken, der sicherlich kurz vorher von den Jungen verspeist worden war. Ihre Zahl war auf vier gestiegen, während das fünfte Ei noch keinerlei Veränderung zeigte.
Montag, den 18. Juni, traf ich zum ersten Male Herrn Turmfalk, der eine graublaue Kopfbedeckung trug, bei seinen Kindern an. Auf der mehrfach erwähnten Sockelecke, die entschieden die Rolle eines Anrichtetisches spielte, lag endlich einmal eine Maus, und zwar eine Waldwühlmaus. Es war ein schönes Stück mit braunrotem Pelz, aber ohne Kopf, der wie mit einem Messer abgeschnitten zu sein schien. Sonst war an dem Tiere nichts geschehen. Das Kleid der jungen Turmfalken war noch schön weiß, der Schnabel ganz hell, die Wachshaut gelb, die Augenlider heugrünlich. Der Hunger schien, dem andauernden Schreien nach, sehr groß zu sein. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Alte, der kurz nach meiner Ankunft unter zahlreichen ki…-Rufen (a3–h3) abgestrichen war, zurück, und zwar mit den Resten eines Vogels. Ich hörte noch einige leise gjij und gjäj des Alten; von der Fütterung konnte ich leider nichts sehen. Einige Zeit danach saß das Elternpaar wieder drüben an der bekannten Stelle des Kreuzturms.
Bei meinem nächsten Besuch am 21. Juni traf ich Frau Turmfalk beim Füttern ihrer Jungen an, die schon lebhaft auf sie einstürmten, obgleich sie auf den Beinen noch sehr schwach waren. Vorsichtig gab die Mutter einem jeden die Bissen unter Kreuzung der Schnäbel in die weit aufgesperrten Rachen. Was verfüttert wurde, konnte ich aus meinem Versteck jedoch nicht erkennen. Nach der Fütterung deckte die Alte das junge Volk wieder mit ihrem wärmenden Körper zu, was bei der naßkalten Witterung sehr nötig war. Leider wurde die Alte nach einiger Zeit meiner ansichtig und strich ab, wobei sie jedoch nicht mehr so erregt war wie früher; erst vom Kreuzturm her drangen ein paar ki…-Reihen und wriiii-Rufe an mein Ohr. Auf dem »Anrichtetisch« lag wieder das letzte Überbleibsel eines kleinen Vogels. Dann trat natürlich der Spiegel in Tätigkeit, und da entdeckte ich sofort, daß außer dem Ei nur noch drei junge Turmfalken da waren! Wohin das vierte Junge gekommen war, blieb rätselhaft. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder war es krank gewesen beziehungsweise verendet und die Alten hatten es dann beseitigt, oder es war, vielleicht als das Jüngste und Schwächste, von den Dohlen, die sich gerade in jenen Tagen viel um den Rathausturm herumtrieben, geraubt worden. Die übrigen drei Kleinen hatten schon wieder Fortschritte gemacht; besonders das eine – wahrscheinlich älteste – sah schon andauernd sehr gespannt zu mir herauf: in dem kleinen Vogelköpfchen war das Bewußtsein beziehungsweise das Erkenntnisvermögen erwacht und der Geist begann seine Tätigkeit.
Am 25. Juni war wiederum der Vater am Nest. Es beteiligten sich also – wie es sich gehört – beide Eltern an der Aufzucht der Kinder. Von Beute war nichts zu sehen. Die immer grauer gewordenen Flaumfedern waren ebenso wie der ganze Körper stark gewachsen. Vom späteren Obergewand, den sogenannten Konturfedern, ragten nur die Schwanzfedern etwas hervor und zeigten bereits die breite schwarze Binde vor dem schmalen sehr hellen, aber nicht weißen Endsaum. Da das letzte Ei immer noch nicht ausgebrütet war und es außerhalb des Nestes lag, fischte ich es mittels eines an einem langen Stabe befestigten kleinen Pappkästchens, wie sie zum Aufbewahren von kleinen Filmrollen dienen, heraus. Es zeigte keine Spur der Bebrütung. Eiweiß und Dotter waren noch tadellos erhalten und völlig geruchlos; es war also ein sogenanntes Windei, das seinerzeit nicht befruchtet worden war. Die Länge betrug 4,0 Zentimeter, die Breite 3,2 Zentimeter.
Abb. 1 Junge Turmfalken im Alter von ungefähr zwei Wochen, schräg von oben aufgenommen
Interessant war das Verhalten der jungen Vögel, über die ich weglangen mußte. Sie suchten den Eindringling abzuwehren, indem sie die Schnäbel so weit wie möglich aufsperrten und fauchende Geräusche hören ließen. Ja, sie lehnten sich sogar stark rückwärts und arbeiteten mit hackenden Bewegungen des scharfen Schnabels und mit rasch sich folgendem blitzartigen Vorschnellen der krallenbewaffneten Beine gegen den vermeintlichen Feind. Ich gestehe, daß ich glücklich war, nicht mit der Hand in die Nähe der Jungen gekommen zu sein; sie hätte sicher ein paar tüchtige »Treffer« erhalten. Nachdem die kleine Gesellschaft sich etwas beruhigt hatte, wagte ich eine Aufnahme mittels einer mir freundlichst zur Verfügung gestellten »Icarette« (6×6). Es geschah auf gut Glück, da einmal eine sehr freihändige Augenblicksaufnahme nötig und dabei ein sicheres Einstellen in bezug auf Richtung und Entfernung kaum möglich war. Dazu hing der Himmel voll schwerer, dunkler Wolken. (Siehe Abb. 1.)
Von den späteren Besuchen, bei denen ich die Jungen in der Regel allein antraf, so daß ich nicht mehr in dem Maße störte wie früher, sei nur noch einiges erwähnt. Am 2. Juli hatte die Natur an dem Hauptkleide schon wieder weiter gearbeitet. Die Schwung-, Eckflügel- und Schulterfedern ragten schon stark aus dem Daunenkleide heraus, nur ihr unterer Teil steckte noch in der Scheide. Während ich den photographischen Apparat zur neuen Aufnahme vorbereitete, kam die Alte und fütterte. Mit der nötigen Zurückhaltung konnte ich wieder schön beobachten, ohne jedoch die Art der Nahrung selbst feststellen zu können. Die Jungen ließen dabei ihre Stimme reichlich hören, die früheren kjej und kjij waren zu kiiiiije geworden (mit etwas sirrender tonlicher Beigabe). Der Apparat erregte später die gespannteste Aufmerksamkeit der Jungen. Sie reckten erstaunt die Hälse und nahmen teilweise auch sofort die bereits erwähnte Verteidigungsstellung ein, doch hatten sie sich in dem Augenblick, in dem ich den Apparat in die richtige Stellung gebracht zu haben glaubte, schon wieder etwas beruhigt. (Leider ist die Aufnahme infolge des sehr trüben, regnerischen Wetters mißlungen.) Am 4. Juli erhielt mein Besuch eine sehr schmerzliche Einleitung. Als ich am Fuße des Turms kurze Zeit wartete, bemerkte ich in einer Ecke des Hofs einen toten jungen Turmfalken, der sicherlich abgestürzt war. Tatsächlich traf ich oben nur noch zwei Jungvögel an, welche je auf einer inneren erhöhten Ecke der Säulensockel saßen. Der dritte mochte wohl eine äußere Ecke erklommen haben und vielleicht beim Herabspringen über den Rand hinabgestolpert sein, waren doch die Jungen auf den Beinen noch sehr unsicher, und irgend etwas zum Anklammern war nicht vorhanden. Auf ihrem erhöhten Sitze konnte ich die zwei Jungvögel durch den gegenüberliegenden Spalt recht gut beobachten. Neue, in der Hauptsache rotbraune Federn waren zum Beispiel auf dem Oberrücken durchgekommen und auf der Unterseite verlief je ein ganz schmaler Federstreifen neben der Mittellinie und von den Seiten des Halses nach den Weichen. Kopf und Unterrücken, Bürzel, Oberschenkel und fast die ganze Unterseite waren ebenso wie die Flügelhäute noch von dichten und auffallend großen Flaumfedern bedeckt, die den Vögeln ein verhältnismäßig recht struppiges Aussehen gaben. Die so sehr starke Entwicklung des Daunenkleides dürfte mit der überaus kalten und nassen Witterung in Verbindung stehen, ist doch die diesjährige Junidurchschnittstemperatur um 4,21° hinter der des Vorjahres zurückgeblieben![3] Ein bescheidener Annäherungsversuch meinerseits ließ besonders den einen fauchenden Jungvogel die schon oben geschilderte Verteidigungsstellung einnehmen und dazu sehr energische wriiiii-, wriiiii-Rufe ausstoßen. Also auch die Stimme hatte Fortschritte gemacht!
Hiernach sammelte ich noch ein paar zum Teil ältere Gewölle, die sich durch ihre Größe als von den Eltern herrührend erwiesen. Sie enthielten neben Mäusehaaren wieder einige Knochenreste, darunter besonders einige Oberschnäbel (Os intermaxillare) von Kleinvögeln, sowie spärliche chitinöse Überbleibsel von einem Lauf- und einem Mistkäfer.