Am 9. Juli war das Oberkleid der beiden Jungen so weit fertig, daß das graue Hemd nur noch an einer Stelle – nämlich am Unterrücken – heraussah. Nicht ohne Mühe konnte ich ein paar Unterschiede in der Kleidung der Jungen feststellen. Bei dem einen war auf dem Schwanz ein bläulicherer Schein sichtbar als beim andern. Außerdem zeigten seine Wangen einen vom vorderen unteren Augenrand hinter dem Schnabelwinkel schräg nach unten und hinten verlaufenden schwarzen Streifen, der bei dem andern Jungvogel weniger hervortrat. Im übrigen trugen die beiden Geschwister die gleiche Kleidung, und zwar eine ganz ähnliche wie ihre Mutter, wobei daran erinnert sei, daß auch bei uns Menschen die kleinen Knaben oft mädchenhafte Kleider tragen. Sehr interessant war der Charakterunterschied der beiden Jungen. Während das eine sich mehr oder weniger gleichgültig, ja stumpf verhielt, war das andre sehr leicht erregbar; es setzte sich beim geringsten Anlaß zur Wehr und fauchte, als ob es schon ans Leben ginge. Eine photographische Aufnahme ließ es sich dagegen, obschon unter gespanntester Aufmerksamkeit, ruhig gefallen. (Siehe Abb. 2.)
Abb. 2 Die letzten zwei jungen Turmfalken im Alter von ungefähr vier Wochen
Weitere Beobachtungen verschob ich auf einen späteren Tag, da ich fürchtete, durch allzu starke Beunruhigung die Jungen zu einem zu zeitigen Abflug zu veranlassen, der einen tödlichen Absturz zur Folge haben könnte. Doch hatte ich die Rechnung ohne die beiden Jungen gemacht; denn als ich wiederkam, war das eine schon ausgeflogen und das andre schien auch nicht mehr lange daheim bleiben zu wollen. Ohne daß ich ihm zu nahe getreten wäre, begab es sich bald nach einer vorspringenden Ecke eines der Säulensockel, wohin ich ihm nicht einmal mittels des Spiegels folgen konnte.
So setzte es meinen Beobachtungen ein Ziel und es wäre eigentlich nichts weiter zu berichten, wenn der fast völlig erwachsene letzte Sproß von Turmfalkens mir nicht noch ein paar ansteigende dsiririririririri wie zum Abschied zugerufen hätte, als wolle er damit zugleich kundtun, daß er nunmehr die Sprache seiner Eltern völlig beherrsche und fähig sei, an ihrer Seite ins Leben hinauszutreten.
In der Tat hatte er bei meinem letzten Besuch den ersten Schritt in die weite Welt gewagt. Er saß drüben allein auf dem Kreuzturm an einer andern Stelle, als die Eltern für gewöhnlich einzunehmen pflegten. Diese waren wahrscheinlich mit dem andern Jungen auf die Jagd nach dem täglichen Fleisch weit über das Weichbild der Stadt hinausgeflogen, wohin unser Nesthäkchen noch nicht zu folgen wagte.
Mir blieb sonach nichts weiter übrig, als der verlassenen Wohnung von Turmfalkens einige Blicke zu widmen und ein paar herumliegende Gewölle der Jungen zu sammeln. Das erstere machte keine Freude: Der Boden und die Wände waren in einer fürchterlichen Weise beschmutzt. Ich fand keinen Vergleich; nur französische Kulturvertreter sollen stellenweise an der Ruhr in ähnlicher Weise »gehaust« haben! Regen, Wind und Schnee werden hoffentlich das ihrige tun, um Turmfalkens Wohnung bis zum nächsten Frühjahr wieder in den Stand zu setzen. Die Gewölle bestanden zu meiner Freude fast durchweg aus Haaren der Feldmaus, was wahrscheinlich mit der für die Jagd derselben günstiger gewordenen Witterung zusammenhing. Nur in dem einen fand sich ein Zwischenkiefer eines sehr kleinen Vogels. Mit diesem Befund stimmte überein, daß ich bei meinen letzten Besuchen bei Turmfalkens auf dem Anrichte- beziehungsweise Vorratstische nur je eine tote Feldmaus hatte liegen sehen.
Zum Schluß noch eine Bemerkung: Viel Glück und Freude haben ja Turmfalkens mit ihren Kindern nicht gehabt. Das eine wird totgeboren, das andre ist schwächlich und stirbt oder wird gar geraubt und das dritte stürzt tödlich verunglückend ab, so daß von fünf Kindern nur die kleinere Hälfte am Leben bleibt! Doch wollen wir uns trösten. Wie bei uns Menschen die Natur immer wieder ausgleichend wirkt, wenn nicht die verruchte menschliche Entsittlichung dazwischen tritt, so gibt es auch bei den Vögeln viele Fälle, wo die an sich zahlreiche Nachkommenschaft durch alle Unbilden und Fährnisse der ersten Zeit glücklich hindurchkommt, so daß trotz mancher störender Vorkommnisse die Erhaltung der Art dauernd gewährleistet bleibt. Möge unsre Turmfalkenfamilie alle Nöte des Winters glücklich überstehen, so daß sie wenigstens in einem Paare zu der alten Wohnstätte auf dem Dresdner Rathausturm zurückkehren kann; möchten aber auch die allgemeinen Witterungsverhältnisse des nächsten Jahres derart sein, daß Turmfalkens nicht nötig haben, ihren Speisezettel noch einmal in bedenklicher Weise abzuändern![4]
Fußnoten:
[2] Nachdruck nur mit Einwilligung des Verfassers gestattet.