Der Himmel schlug einen grauen Mantel um. Der Wind pfiff kälter und kälter. Beim Osterwasserholen am Ostermorgen war es empfindlich frisch. Aber nach dem Kloster wird gefahren. Über Feldwege geht es zur Kamenzer Straße. Sie ist belebter als je: Radfahrer, Motorfahrer, Automobile vom Zwergwagen bis zum Ungetüm, Pferdegeschirre, Fußgänger beiderlei Geschlechts, Gruppen von Wandervögeln mit bunten Wimpeln und Klampfen, alles in buntem Wechsel, alles in einer Richtung. Von allen Wegen und Stegen biegen sie ein nach dem Kloster. Einzelne Reiter im Festgewand auf geschmückten Rossen werden überholt. Wendische Frauen und Mädchen in Volkstracht zu Fuß und zu Rade geben der hastenden Masse eine neue Abwechslung. Deutsche, wendische Laute klingen an unser Ohr. Aber auch in andren Zungen der Welt wird gesprochen. Je näher wir ans Kloster herankommen, desto beängstigender schwillt die Menge, desto größer wird der Lärm. An der Klostermauer entlang steht Kraftwagen an Kraftwagen. Auf der Straße staut sich die Menge. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Man muß Geschäfte machen, wenn sie gehen. So denkt jeder in Marienstern, in Kuckau. Gärten aller Art, Schuppen, Hausfluren, alles muß heute zinsen: Einstellung von Fahrrädern. Wir sind froh, daß uns Einwohner mit einnehmendem Wesen der Sorge um unsre acht Stahlrosse entheben wollen. Der Obolus ist valutagemäß. Vor dem Eingang zum Klosterhof eine Menschenmauer. Nur schwierig ist der Eingang zu gewinnen. Nur langsam, ganz langsam weicht die Mauer, wenn Autohupen das Stimmengewirr übertönen. Der Klosterhof ist heute glatt verwandelt. Kopf an Kopf staut sich die Menge an dem Straßenring um das Rasenrondel. Rasenflächen, Gebüsche, alles wird betreten. Wo sonsten Ruhe Wohnung hat, wo fromme Übung nur des Tagewerks Gleichmaß unterbricht, da schwirrt, da lärmt die Menschenmenge. Sie wogt und brandet, sie drängt zur Kirchenpforte. »Dem Nächsten zur Wehr!« Ja warum, du Feuerwehrmann, hast du diesen Wahlspruch? Nun wehre dem und der lieben Nächsten den Zugang zum Innern der Kirche, der stürmisch, fast widerlich stürmisch unter Ausnutzung sämtlicher Ellenbogen und dergleichen begehrt wird. Pure Neugier heißt die meisten sich den Eingang erzwingen und denen, die zur Andacht wollen, die ernste Stimmung stören. Zum Seitenpförtchen an der linken Seite tritt die Menge nach kurzer Zeit wieder aus. Stelle dich hinter diese Leute und höre, wovon ihnen der Mund übergeht. Schweigen darüber ist wirklich Gold, Reden davon nicht einmal Papier. Zu einem wirklichen Erlebnis religiöser, künstlerischer oder sonst welcher Art ist bei dieser Unruhe niemand gekommen. Auf dem Straßenring halten die Osterreiter. An die siebzig Paare mögen es sein. Prächtige Pferde mit ausgesprochenen Ramsesnasen sind vorhanden. Not ist keinem anzusehen. Faltenlos strafft sich die Haut über dem Fleisch. Der Mähnenbusch und der wallende Schweif tragen zur Zier noch hellfarbene Schleifen und bunte Blumen. Der Kopf schwenkt auf und nieder. Das Zaumzeug klirrt. Des Reiters Hand tätschelt den Pferdehals. Aber die Unruhe ist nicht zu dämpfen. Die Vorderhufe scharren den Boden, die Nüstern schnauben. Eins dreht im Kreise. Das Zaumzeug der meisten ist mit Pilgermuscheln besetzt. Die Satteldecken zeigen in ihren Ecken das Bild des kreuz- oder fahnetragenden Lammes. Die Reiter, alte wie junge, sind ganz Würde. Manchem sieht man es an, daß er einst als Gardereiter gedient hat. Auf den breiten Ackerpferden ist es gewiß keine Kleinigkeit, eine stramme Haltung zu bewahren. Andre verraten auf den ersten Blick, daß sie einen solchen festlichen Aufzug vor so zahlreichen Zuschauern zum erstenmal mittun. Die bunten Kirchenfahnen schlagen im scharfen Winde. Vom Kruzifixus, den einer trägt, weht es weiß und goldig. Endlich kommt das Glockenzeichen. Der Vorsänger setzt plötzlich mit weittragender Stimme ein. Bald wird der Klang von allen Reitern aufgenommen und

Stanył je horje Jězus Khryst, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wot smojej’ martry ćežkeje, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wšitkich je wón nas zwjeselił, alleluja!

Khwalmy Boha, alleluja!

(Auferstanden ist Herr Jesus Christ, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!

Von seiner schweren Marter, halleluja.