Abb. 5 Ankunft von Osterreitern vor dem Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern
(Klostermauer an der Chaussee Bautzen–Kamenz Sa.)
(Aufnahme A. Heinicke, Freiberg)
Osterreiten, Saatreiten. Es ist eine schöne Sitte aus alter Zeit, so sagen die einen. Andre meinen, daß es eine rein katholische Sitte sei, die mit Bittgängen, Wallfahrten usw. auf eine Stufe zu stellen sei. Da bei uns in Sachsen dieser Brauch sich nur in den katholischen Gegenden erhalten hat, so scheint diese Ansicht auch begründet zu sein. In der Hauptsache aber sind Urteile und Ansichten zu hören, die eine völlige Verständnislosigkeit gegenüber diesem Brauch im besonderen wie gegenüber den Osterbräuchen im allgemeinen ohne Einschränkung ausdrücken. Auch ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung hat das Bewußtsein des tieferen Sinnes dieser Bräuche verloren. Das wird den, der die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte aufmerksam betrachtet, nicht verwundern. Die große Masse des Volkes ist dem Boden entfremdet, von ihm entwurzelt. Die Entwicklung der Städte und Industriebezirke brachte eine Anhäufung der Menschen auf beschränktem Raume mit sich. Auch die ländliche Bevölkerung hat einen ähnlichen Prozeß durchgemacht. Nachdem das Joch der Hörigkeit von ihr genommen worden war, haben es einzelne verstanden, durch Bauernlegen immer mehr Grund und Boden in ihre Hand zu bringen. Es ist berechnet worden, daß in Preußen etwa ein Drittel des Bauernlandes in die Hand des Großgrundbesitzes geraten ist. Eine Änderung im Grundeigentum konnte in der Hauptsache nur durch Enteignungsgesetze vorgenommen werden, wenn der reichlich enggefaßte Begriff des öffentlichen Interesses gegeben war. Straßenbau, Bahnbau usw. waren solche Dinge, die ein erfolgreiches Eingreifen ermöglichten. Die Spekulation machte aus dem Grund und Boden ein Spekulationsobjekt. Die persönliche Verpflichtung dem Grund und Boden gegenüber fehlt solchen Spekulanten ganz. Dagegen waren in alteingesessenen Bauerngeschlechtern, auch wenn die Betriebe noch so ökonomisch geleitet wurden, diese Bindungen rein gefühlsmäßiger Art vorhanden. Eine Verbesserung oder »Melioration« des Besitzes wurde mehr um des Bodens selbst willen vorgenommen als in der Hoffnung, durch diese eine Wertsteigerung herbeizuführen und daraus möglichst bald einen rein persönlichen Gewinn herauszuschlagen. Der Besitz war nicht jedem Meistbietenden gegenüber feil. Der Erbe, das Geschlecht verspürte den Segen dieser großzügigen Auffassung. Dieses Gefühl, ich bin nur der Sachwalter meines Besitzes für die, die nach mir kommen, schuf die Eigenschaften, die dazu berechtigten, den Beruf des Landwirtes als den edelsten unter den rein praktischen Berufen anzusprechen. Der Bauer war bodenfest. Leider geht diese verpflichtende Auffassung mehr und mehr verloren. Heute wird auch die Landwirtschaft industrialisiert, amerikanisiert. Stand früher nur der amerikanische Landwirt mit diesem rein geschäftsmäßigen Brauch mit dem Industriellen Europas auf einer Stufe, so können wir heute dasselbe Bestreben bei uns wahrnehmen. Das aber will uns noch nicht in den Kopf, daß wir so das alte Bauerntum zum Industrierittertum übergehen sehen sollen. Wir vermissen dann gerade am Bauer die Eigenschaften, die ihn sonst auszeichneten. Mit Recht wird darum in Bauernkreisen gegen diese Landflucht und Stadtsucht geeifert. Bodenständigkeit im Sinne der Alten, Verpflichtung der einzelnen gegen die Familie, der Familie gegen das Geschlecht, des Geschlechts gegen den Stamm, des Stammes gegen das Volk, des Volkes gegen seinen Grund und Boden, ohne den es ohnmächtig ist, aus dem es durch die einzelnen Familien seine Kraft schöpft. So stellt der jeweils Lebende dann nichts andres dar als das Sinnbild des lebenden Bodens, der in der Vergangenheit das erwachsen ließ, was heute lebt. Der Lebende ist die Summe der erfüllten oder nicht erfüllten Pflichten der Vergangenen. Er soll sie tragen und sich verpflichtet fühlen von Familie über Geschlecht und Stamm dem Volk und dessen Grund und Boden.
Nun muß offen zugestanden werden, daß sich in der Jetztzeit auch Umwälzungen vorbereiten und vollziehen, die gerade das Verhältnis des einzelnen zum Grund und Boden bessern wollen. Bodenreform, Siedlung, Eigenheim, Erbbaurecht, um nur einiges zu nennen. Es ist das alte Lied, daß dann harmonische Ruhe besteht, wenn Form und Inhalt einer Sache im Einklang stehen. So auch hier.
Wenn die Form den Inhalt, der eine andere Form verlangt, in ihr zu bleiben zwingt, dann entstehen notwendigerweise ebensolche Reibungen, wie wenn eine neue Form einem alten Inhalt aufgezwungen wird. Je verständnisvoller der Schrei nach dem Boden von den maßgebenden Stellen vernommen wird, desto ruhiger wird sich der Umwandlungsprozeß vollziehen, um so eher wird ein harmonischer Zustand wieder herbeigeführt werden können zum Besten für alle.
Dann wird vielleicht einmal der einzelne, der jetzt solchen alten Bräuchen verständnislos gegenübersteht, dieselbe oder ähnliche innerliche Bewegungen erleben, die als Ausgangspunkt dieser Bräuche anzusprechen sind, nämlich die Sicherung der eigenen Scholle vor feindlichen Einflüssen. Dann werden diese alten Bräuche nicht absterben, sondern – wenn auch in andren, zeitgemäßen Erscheinungsformen – ihre Auferstehung feiern.
Wir wissen, daß unsre Vorfahren einst den erworbenen Grund und Boden mit Feuer umschritten, wenn sie ihn in Besitz nahmen. Er sollte gereinigt werden. Alle schädigenden Dämonen sollten verbannt werden. Diese anfänglich nur einmalige Handlung wurde schließlich jährlich beim Beginn der Feldarbeit und des Weideauftriebes vorgenommen, also im Frühling. Darum auch die verschiedenen Termine von vor Ostern bis zum Himmelfahrtstage. Man umschritt nicht mehr die Felder, man umritt sie unter strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Einzelhandlungen. Nach nordgermanischen Quellen wurde Feuer umhergetragen, nach altdeutschen Quellen können auch Götterbilder an die Stelle des Feuers getreten, auch beides verwendet worden sein. Die Kirchenversammlungen eifern fortgesetzt gegen diese Flurumgänge. Das Volk läßt nicht ab davon. Darum verzichtet die Kirche auf die Ausrottung und hieß den Priester mit dem Kruzifixus oder dem Schutzheiligen des Ortes oder der Maria im feierlichen Zuge die Fluren segnend durchwandeln. Gesang, Glockenklang begleitete die Schar. Lärmen, Poltern, Schlagen, Feuern, Fegen dienten aber bereits in vorchristlicher Zeit zur Vertreibung der schädigenden Dämonen oder Geister oder Seelen, die gerade vor Ostern eine ihrer Urlaubszeiten hatten. In evangelischen Gegenden verblaßten die Bräuche nach und nach. Am längsten hat sich das Ostersingen der Kinder noch gehalten.
Wenn es unsrer Zeit gelingen sollte, den Landhunger zu stillen, dann wird mancher dieselben Gedanken und Gefühle in sich verspüren, wenn er sein Besitztum umschreitet, wie die Saatgänger und Saatreiter von ehedem und von heute. Jedes Jahr wird er wünschen, daß der Boden den in ihn verarbeiteten Fleiß und Schweiß mit guter Ernte segnen möge. Ob das mit dem Priester oder ganz allein oder mit der Familie geschieht, spielt dabei keine Rolle. Es bleibt eine Zwiesprache mit seinem Besitz, der ihm neue Kraft, neues Leben schenken soll, also ein religiöses Erlebnis: Verbundensein und Verpflichtetfühlen der Scholle gegenüber als Nutznießer der Vergangenheit, als Vorarbeiter der Zukunft.
Noch eins ist mir beachtlich. Das ist der soziale Zug im Saatreiten. Nicht der einzelne wünscht den Segen für seine Flur, sondern das ganze Dorf, zwei Dörfer, eine ganze Landschaft. Einer fühlt sich dem andern verpflichtet. Gleichmäßig soll der Boden den Segen auf die verteilen, die er trägt.
Mag auch unsere Zeit, wenn sie den Landhunger einzelner zu stillen vermag, dafür sorgen, daß diese nicht satt werden und träge und die andern vergessen, sondern daß in allen das Verbindlichkeitsgefühl den andern gegenüber wachbleibe wie unter den Saatreitern von Marienstern und anderwärts.