Abgeschlossen am 1. Juni 1923

Straße und Fuhrwerk im Müglitztal

Von A. Eichhorn, Glashütte

In tiefer Wildnis träumte einst das Tal den »Mogelicz«. Herabgestürzte Felsblöcke vereint mit entwurzelten urhaften Baumleibern stauten oft das Wasser des felsbeengten Waldflusses. Baum, Stein und Wasser machten das Tal unwegsam und zwangen Huf und Rad sich andren Weg zu suchen. Aus den Hammerwerken am blockgefüllten Flusse schleppten sich die Eisenkarren mühsam auf die Höhenwege. Das war zu der Zeit, da rußige Hammerknechte mit schwerem Eisengerät am Schmiedefeuer schafften, das Klingen aus der Hammerschmiede sprang, von den nahen Felsen zurückprallte und sich mit neuem Hammerschall vertönte. Das war in jenen Jahrhunderten, da hier schwarzbekittelte Schatzgräber mit Hammer, Schlägel und Bergeisen die Erze aus dunklem Felsengange lösten und Albinus schrieb: »Das dritte und fürtrefflichste Eisen wird zu Lawenstein vnd Berggießhübel vnd Glaßhütten gemacht«. Lasttiere trugen aus den Mahlmühlen auf dem »Eselssteig« und andren schmalen Pfaden das Mehl in die Bauerndörfer. Über die Höhen liefen Straßen. Aber gar arg waren die Höhenstraßen beschaffen, die vom Elbtal nach dem Erzgebirge führten. Geifernde Zugtiere zerrten unter Fluch und Prügel den Wagen aus schlammigem Loch, um nach wenigen Wagenlängen gleiche Marter zu überwinden. Und war der Höhenweg gezwungen, das wegsperrende Tal zu durchqueren, so folterte steinigter Hangweg, wurzelüberflochten und wasserzerrissen, Mensch und Tier bis zur Erschöpfung. Eine lasttragende Brücke führte selten zum Gegenhang. Durch geröllstrotzende Furt knarrte der Wagen. Und wenn Schmelzwässer im Felsental in tollen Wellensprüngen gurgelten, dann kam zu all den Mühen noch eine qualvollere Wartezeit. Nur eine feste Brücke überspannte schon vor vier Jahrhunderten die Müglitz: die Kurfürst-Moritz-Brücke in Glashütte (Abb. 1). Aus dem Urgestein der Uferfelsen und Sandsteinquadern gefügt, trotzte sie durch Jahrhunderte dem zuzeiten wütenden Wasserprall und dient zur Stunde gleichem Zwecke wie in längst vergangnen Tagen. Aus dem pestbefallenen Freiberg war Herzog Moritz mit Gefolge ins einsame Bergstädtchen Glashütte geflüchtet. Sechs Wochen hindurch genoß er die Gastfreundschaft der Bergleute, die 1545 dafür ihren Lohn in der steinernen Brücke über die Müglitz erhielten.

Abb. 1 Kurfürst-Moritz-Brücke in Glashütte (Aufnahme von Max Nowack, Dresden)

Jahrhundertelang dienten die Höhenstraßen im östlichen Erzgebirge dem Verkehr vom Kamm bis hinab zum Elbstrom und umgekehrt. Da kam auch für das Müglitztal die Stunde, in der ihm seine Unwegsamkeit und Stille genommen ward. Es war im Jahr 1846, als man bei Weesenstein im Tal anfing zu graben, Erde aufzuwerfen und Steine zu klopfen. Achtzehn Jahre hindurch galt es zu graben, Ufermauern zu formen, Felsstücke abzusprengen, Bäume zu fällen, Quarzporphyr aus den Gängen zu brechen, die den Gneis durchziehen, um Straßenschotter zu gewinnen. 1864 wurde die letzte Teilstrecke von Lauenstein bis Geising vollendet. Weit über fünfhunderttausend Mark kostete die neue Talstraße von Mügeln bis Geising, eine gewaltige Summe für jene Zeiten.

Abb. 2 Botenfuhrwerk aus Altenberg bei der Rast (Nach einem alten Negativ)

Nun bewegten sich die Fuhrwerke von der »Pirnaischen Chaussee« aus im Tale hinauf zum Grenzwald. Bestimmte Rastorte wählten die Botenfuhrleute. Vor dem Gasthof in Häselich hält auf unserm Bilde der Botenfuhrmann (Abb. 2). Eine Ruhepause muß er seinen Pferden gönnen nach anstrengender, talaufgerichteter Zugarbeit. Ein gar langes Fuhrwerk ist solch ein Frachtwagen mit Gespann. Nur auf so wohlgepflegter und allmählich steigender Fahrbahn, wie sie die Müglitztalstraße einst bot, vermochten zwei muskelstramme Gäule die Last zum Gebirgskamm zu bringen. Auch wurde der Wagen von Ort zu Ort von warengefüllten Kisten, Fässern und Säcken entlastet. Dann meisterten zwei Zugtiere auch die steile Straße von Geising nach Altenberg. Wohl waren mitunter mehr als zwei Pferdekräfte notwendig, den überplanten Lastwagen kammwärts zu ziehen, gegen die Mühen auf den einstigen Höhenstraßen war die Fahrt im Tale angenehm.